Eine #Nafri-Analogie

Da wurde heute ein provokanter kleiner Tweet in Sachen #Nafris und #Silvesternacht in meine Timeline gespült:

Da mein kleiner Antwort-Tweetstorm ein kleines Bisschen verunglückt ist, hier nochmal zusammengefasst und ein wenig erweitert:

Deutsche, die meinen, im Ausland ihr Mütchen kühlen und womöglich die dortige Polizei provozieren zu müssen, werden im Ausland und gerade im Mittelmeerraum meines Wissens stellenweise weit weniger rücksichtsvoll behandelt als die „Nafris“ zur Silvesternacht in Köln. Man belässt es dort in solchen Fällen auch keineswegs beim Feststellen der Personalien. Ich persönlich bin bei einer bloßen Geschwindigkeitsübertretung mit dem Motorrad von einem elsässischen Gendarm zum Glück nur mal fünf Minuten mit voller Lautstärke und knallrotem Kopf zur Minna gemacht worden. Diese Zeit kam mir wie eine Ewigkeit vor. Was der mit mir gemacht hätte, wenn ich dort betrunken einer Dame in den Schritt gefasst hätte, möchte ich mir lieber nicht ausmalen.

Aber was mir vor allem mal wieder aufstieß, war der Äpfel-zu-Birnen-Aspekt der Analogie. Ein viel weniger stark hinkender Vergleich zu besoffen randalierenden Deutschen in El Arenal wären in meinen Augen besoffen randalierende Nafris im Düsseldorfer Maghreb-Viertel, heute anscheinend eine No-Go-Area mitten in Deutschland, fest in der Hand nordafrikanischer Großfamilien, die sich der Polizei gegenüber äußerst aggressiv gebärden und wo sich diese entsprechend kaum mehr hin traut.

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Straßenhändler hat Ärger mit der Polizei. El Arenal, Palma, Mallorca, Spanien 2009, Bild: Bengt Nyman via commons.wikimedia.org

Die noch viel spannendere Analogie wäre aus meiner Sicht aber die in der anderen Richtung. Das analoge Ereignis zur Kölner Silversternacht stelle ich mir auf Mallorca etwa so vor, dass bei einem großen Heiligenfest oder dergleichen die besoffenen deutschen Touristen in Massen auf den Platz vor der großen Kathedrale von Palma gezogen wären, weitab der fest in deutscher Hand befindlichen Touristengebiete und Teutonengrills, und dort das Verhalten der Täter von Köln an den Tag gelegt hätten. Feuerwerksraketen auf die zahlenmäßig unterlegenen Polizisten schießen, Böller in Ambulanzen werfen,  Frauen im Rudel sexuell belästigen.

Unterhalb der Kathedrale von Palma

Unterhalb der Kathedrale von Palma

Und jetzt stellen wir uns mal vor, ein Jahr später ist die Zeit für eine Neuauflage gekommen. Ich wage zu behaupten, die mallorquinische Polizei wäre bei Weitem nicht so zimperlich mit krebsrot verbrannten blonden Deutschen, die sich angetrunken und beseelt von einer gewissen „Grundaggressivität“ unter Absingen lautstarker Ballermann-Hits in Richtung der La Seu aufmachten.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, die spanischen Kollegen, womöglich verstärkt vom Festland, hätten einen wenig schmeichelhaften Kurzbegriff für die einschlägige Klientel parat, um die sich ihr Großeinsatz an diesem Tage drehen würde.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich hielt das deutsche Asylrecht schon vor den Verschärfungen der letzten Jahre für den größten Schandfleck hier im Lande. Gerade für Deutschland sind solche Gesetze mehr als beschämend. Und Ghettos wie das Maghreb-Viertel oder Duisburg Marxloh haben wir uns irgendwo auch selbst eingebrockt, indem wir wegschauten, die Klagen der Polizei vor Ort jahrelang ignorierten und den politischen und Wirtschafts-Eliten nicht auf die Finger klopften. Wir sehen diesen Leuten zu bei ihren prestigeträchtigen „Leuchttum-Projekten“ und lassen zu, dass es bei der viel beschworenen, aber im Alltag eben wenig glamurösen „Integration“ bei Luftblasen bleibt. Migranten erst jede Perspektive auf einen ehrlichen Lebensunterhalt zu nehmen und sich dann zu beschweren, wenn sie kriminell werden, ist Heuchelei. Jeder von uns würde in der gleichen Situation das gleiche tun.

Und man darf durchaus auch mal nachbohren, ob das denn alles so 1:1 stimmt, was die Polizei gegenüber der Presse da offiziell so alles behauptet. Bei Aussagen von NRW-Innenminister Jäger ist ja immer schon eine gewisse Grundskepsis angebracht gewesen. Auch solche Recherchen sind ein entscheidendes Merkmal eines Rechtsstaats, und um in einem Rechtsstaat in Frieden und Sicherheit zu leben, kommen Flüchtlinge nach Deutschland. Die „Einigkeit“ aus der Nationalhymne kann man durchaus auch als „soziale Sicherheit durch Solidarität“ interpretieren.

Nichtsdestoweniger bin ich der Auffassung, dass es bei der Silvesternacht um berechtigte Sicherheitsinteressen geht. Nicht nur dort sehe ich keine Veranlassung, Zuwanderern irgendwelche Sonderrechte einzuräumen. Ich bin auch dagegen, in vorauseilendem Gehorsam Ausstellungen zu schließen, weil religionskritische Exponate muslimische Sensibilitäten verletzen. Dann sollen sie da einfach nicht hingehen. Und wer da mit Gewalt droht, der soll bitteschön die rechtsstaatlichen Konsequenzen erhalten.

Und wenn die Linke in so einer Situation nichts besseres zu tun hat als die Rassismuskeule zu zücken und den Polizeieinsatz auch noch in völlig unangemessener Weise zum „racial profiling“ zu erklären, dann muss sie sich nicht wundern, wenn die bürgerliche Mitte vollends zur AfD rennt. Ihr habt das noch nicht kapiert, aber Brexit und Trump bedeuten das Ende der 08/15-Politik nach Schema F.

Und übrigens geht womöglich nicht nur die Mitte von der Fahne ob dieses Mangels an Augenmaß. Ich möchte echt mal wissen, was US-Bürgerrechtler wie DeRay McKesson von diesem Vergleich halten würden. Wollen hoffen, dass es nur Ignoranz war und die Leute, die diesen Begriff für Köln gebraucht haben, in ihrer schönen grünschwarzen Bürgerlichkeitswelt solche Begriffe eh nur von Außen kennen. Denn beim „racial profiling“ geht es um völlig anlasslose, tägliche rassistische Schikane. Viele Afroamerikaner unterliegen jeden Tag anlasslosen „allgemeinen“ Verkehrskontrollen, früher auch grundlosen Leibesvisitationen („stop and frisk“). Strafmandate wegen erfundener Vergehen oder minimaler Ordnungswidrigkeiten, die sie mitunter in eine bodenlose Schulden- und Kriminalitätsspirale stürzen. Gelegentliche Erschießungen bei solchen Anlässen. Jahrelang gnadenloser Knast für minimalen Weichdrogenbesitz, während weiße Gewalttäter Bewährung erhalten oder gar nicht erst verurteilt werden (insofern sie bei der Polizei arbeiten). In den Südstaaten gern gefolgt vom Verlust des Wahlrechts für alle Zeiten, denn das wäre ja noch schöner.

Ich will nicht bestreiten, dass es Alltagsrassismus auch in Deutschland gibt. Hoffentlich nicht in solcher Ausprägung. Aber das Vorgehen der Kölner Polizei an Silvester damit in einen Topf zu werfen verharmlost diesen Rassismus auf die gleiche Weise, wie inflationäre Nazi-Vergleiche den Holocaust verharmlosen. Hier wie dort bleibt die Würde der Opfer auf der Strecke wegen kleinmütiger politischer Instrumentalisierung.

Also kriegt euch mal wieder ein, Leute.

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