Felina

„Was sagst du eigentlich zum Ergebnis in Sachsen-Anhalt?“ frägt mich da doch eine Bekannte per DM auf Twittah.

Grenztruppen der DDR auf Patrouille an der deutsch-deutschen-Grenze. Public Domain, Wikipedia„Ich wollte Neufünfland schon vor drei Jahren den Russen zurück schenken,“ schreib ich zurück. „Diese ganzen Zonies – alles verdammte Wirtschaftsflüchtlinge!“ Migrationsprobleme (oder was man dafür hält) durch Erschießungen zu lösen fällt in der Ex-DDR ja eh nicht unter „Mord“, sondern „Folklore“. Da muss man auch mal Verständnis aufbringen.

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Aber Spaß beiseite, ich sehe da letzten Endes sehr ähnliche Mechanismen am Werk wie bei Trump in den USA. Natürlich erst seit dieser faszinierende kurze Artikel auf dem „Guardian“ mir die Augen öffnete. Da hat sich jemand allen Ernstes diese ganzen Trump-Reden mal intensiv im Original angehört, um aus erster Hand zu erfahren, worüber der da tatsächlich die ganze Zeit schwadroniert. Also statt der üblichen Vorgehensweise der bornierten Intellektuellen jetzt, die sich sonst lieber fiktive Gesprächspartner aus der Unterschicht ausdenken und denen die ihnen genehme Botschaft in den Mund legen, statt leibhaftig in die Niederungen des Prekariats hinab zu steigen.

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Stellt sich raus: Es geht bei Trump tatsächlich nur die Hälfte der Zeit für Hetze gegen Mexikaner, Frauen, Schwarze und sonstige „Minderheiten“, Pogrom-Fantasien, Lobpreisungen seiner Penislänge und Aufstachelung zu Rassenunruhen drauf. Die restliche Zeit rantet er gegen das kranke System, gegen die massive Korruption, mit der sich eine verschwindende Minderheit in den USA auf Kosten praktisch aller anderen dort und im ganzen Rest der Welt so schamlos bereichert, dass einem schwindelig werden kann.

Das Fazit von Franks Analyse aus dem Guardian lautet mehr oder weniger so: Bornierte Eliten scheißen jahrzehntelang offen auf die Prolls, machen unverfrorene Klientelpolitik für die Superreichen, erzeugen damit massive soziale Verwerfungen und entkoppeln zugleich die Unterschicht vom wirtschaftlichen Erfolg. Doch dann ist das Erstaunen groß, wenn die sich irgendwann von bigotten, verlogenen Rassisten in die Aufbegehre pushen lässt.

Bin ich der einzige, dem das bekannt vorkommt?

Spätestens seit 2012 frag ich mich ja periodisch, was man wohl machen muss, um diesen schlafenden Riesen endlich aus seinem komatösen Schlaf an Mama Merkels Mutterbrust zu wecken. Stellt sich raus: Man darf sich nur nicht zu schade sein, dessen Knöpfe zu drücken. Im Nachhinein eigentlich logisch. Wie in dem Witz mit den Keksen:

Sitzen ein Reicher, ein Ausländer und ein BILD-Leser an einem Tisch, darauf liegen zwölf Kekse. Schnappt sich der Reiche elf Kekse. Kommt Kai Diekman und sagt zum BILD-Leser: „Pass bloß auf, der Ausländer da klaut Dir gleich deinen Keks!“ 41924266_s

In Deutschland funktioniert das sogar völlig ohne charismatische Führungsfiguren. Die graugesichtigen Pflaumen an der AfD-Spitze kann ja nun beim besten Willen keiner inspirativ finden. Bei uns reicht aber zum Glück schon der anonyme Asylbewerber, eine künstliche Unperson als Feindbild, dem man getrost alle möglichen Untaten andichten kann. In Verbindung mit einer äußerst geschickten Social-Media-Strategie, die bislang von nur einem einzigen ex-Gewerkschaftler Anfang 60 praktisch ohne Budget implementiert wurde, wenn man dieser hoch interessanten Zeit-Recherche glauben darf.

Werner Kaiser [nicht sein richtiger Name]  leitet die Facebook-Redaktion der AfD. Genauer, er ist diese Redaktion. Vor Kurzem hätte ich einen wie ihn noch für einen Hetzer gehalten. Nach meinem Besuch bin ich mir da nicht mehr so sicher.

[…] Über 240.000 Freunde hat die AfD auf Facebook, mehr als doppelt so viele wie die CDU. Zweimal am Tag überlegt sich Werner Kaiser an seinem Schreibtisch eine politische Botschaft, baut mithilfe eines simplen Grafikprogramms so etwas wie ein Plakat, stellt es dann online. Auf diese Weise erreicht Kaiser bis zu vier Millionen Menschen, beinahe halb so viele wie die Tagesschau.

Man vergleiche das mal mit der traurigen Ausrede für Öffentlichkeitsarbeit dieser 0,3%-Splitterpartei, vor der das Establishment 2012 allen Ernstes einen kurzen Moment lang bibberte.9763348_s

Der bloße Gedanke, mal Vollzeit einen Social-Media-Redakteur anzuheuern, hätte in der seligen Piratenpartei als erstes vier Dutzend Hartz… äh, „kreative Vollzeit-Aktivisten“ auf den Plan gerufen, die dem Auserwählten seinen neuen Posten geneidet hätten. Kann ja nicht sein, dass es jemand anderem früher gelingt, sich auf Parteikosten sein persönliches BGE zu stricken. Wo sie selbst doch immer…

Diesen Neid hätte man natürlich nicht so direkt geäußert, sondern mit einem wilden Sammelsurium unkonstruktiver Bedenken getarnt. Wäre dann durchgedrungen, dass der Beauftragte allen Ernstes den ganzen Tag Facebook den Antichrist bespielt, und das noch ohne das Placet einer paritätisch aus zufällig Anwesenden der wichtigsten Mumble-Räume zusammengewürfelten Konformitätskommission zu warten – der Skandal wäre perfekt gewesen. Über dieser ganzen Affäre hätte man ergebnislos achzig Millionen Mannstunden vermumblet. Da wäre alles neunhundert Mal gesagt worden, nur am Ende immer noch nicht alles von jedem. (Diese Frustrierten hätten dann unter maximalem Sturm im Wasserglas den Austritt erklärt.) Und das Ganze hätte man hinterher allen Ernstes ohne rot zu werden auch noch „Arbeit“ genannt.

(Und das wäre immer noch transparenter, basisdemokratischer und effektiver gewesen als alles, was die NRW-Piratenfraktion mit ihrem immensen Budget jemals zu Stande gebracht hat. Aber das nur nebenbei.)

Der Social-Media-Senior der AfD dagegen zensiert nebenher den ganzen Tag auch noch die wirrsten Faschos aus den Facebook-Kommentaren raus. Liest dazu alle knapp 20.000 Kommentare, die dort täglich abgegeben werden; guckt jedes verlinkte Video bis zum Ende, falls dort womöglich ein Hakenkreuz auftaucht. 10462940_1500172683529934_1887016773198801460_n

Bleibt bloß zu hoffen, dass auch der Schreiber jenes Zeit-Artikels trotz seiner intensiven Arbeit letztlich genau so an der Oberfläche geblieben ist und genau so wenig von den tatsächlichen Mechanismen innerhalb der AfD verstanden hat wie seine Kollegen seinerzeit, als es um die Piraten ging. Und hoffen wir, dass die AfD aktuell dabei ist, sich genau so wirkungsvoll ins eigene Bein zu schießen wie jene heutige 0,3%-Splitterpartei, die für einen kurzen Moment mal eine Vision von Transparenz und Beteiligung herauf beschwor.

Weil wirksam angreifen kann man die AfD aktuell ebenso wenig wie Donald Trump. Jedenfalls nicht frontal. Je übler man auf sie einhackt, desto geschlossener rücken ihre Anhänger zusammen. Von gesellschaftlichem Dialog kann ja schon seit geraumer Zeit kaum noch die Rede sein. Mit Logik kann man diesen Leuten eh nicht kommen. Denen ist es egal, dass die AfD ausweislich ihres Programms ganz offen anstrebt, die Unterschicht sogar noch viel übler auszubeuten als sämtliche Altparteien zusammen. Und wenn man es über Strippenziehen im Hinterzimmer versucht, was das Establishment der Republikaner auf dem Nominierungs-Parteitag wahrscheinlich anstrebt, dann bestärkt man sie nur in ihrer teils ja sehr berechtigten Systemkritik.

Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten.

Ähnliche Entwicklungen haben in England übrigens erstaunlicherweise zur Aufbegehre innerhalb der Labour Party geführt, so dass es dort endlich wieder einen Schwenk zurück zu richtig linker Politik gibt unter dem neuen Vorsitzenden Jeremy Corbyn. Bevor unsere deutsche SPD-Basis, soweit sie noch geblieben ist, sich in dieser Weise auf die Hinterbeine stellt und endlich die neoliberalen Seeheimer sowie den Gabriel rauswirft, müssen die wohl mindestens noch die nächste Bundestagswahl übel verhühnern. Warten wir mal, was passiert, wenn die deutsche Sozialdemokratie auch dort als Nebendarsteller hinter einer 20+x Prozent starken AfD einläuft. Unterdessen spekuliert die SPD-Führung natürlich darauf, dass sich die AfD bis dahin selbst erledigt, und wird ihr lediglich mild sekundieren, indem sie weitere Teile ihrer Fremdenfeindlichkeit übernimmt. Lässt sich ja auch alles mit irgendwelchen Pseudo-Arbeitsmarkt-Floskeln verbrämen.

Dumm nur, dass das deutsche Altparteien-Establishment seine Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Sprich: Diese von jeglicher elementaren Makroökonomie unbeleckten Leute glauben allen Ernstes ihre eigene neoliberale PR zur Entstehung und Behebung der Eurokrise. Oder sie haben sich zu tief darin verheddert, als dass jetzt noch ein Rückzieher möglich wäre. Spielt keine Rolle – das Ergebnis ist das Gleiche: Spätestens Anfang Mai 2017 ist die französische Präsidentschaftswahl vorüber. Die Wahrscheinlichkeit erscheint hoch, dass dann dort die Nationalisten unter Marine Le Pen ans Ruder kommen und umgehend den Frexit einleiten werden. Frankreich ist heute schon wirtschaftlich produktiver als Deutschland. Nach dem Platzen des Euro werden wir dann verstärkt erleben, wie viel tatsächlich dran ist an dem Mythos, dass deutsche Produkte wegen ihrer Qualität gekauft werden und nicht etwa wegen der niedrigen Preise dank Lohndumping. Einen erwähnenswerten Inlandsmarkt für das ganze Zeug, das wir hier so produzieren, werden wir jedenfalls nicht in wenigen Monaten aus dem Boden stampfen können.

Drei Mal dürft ihr raten, wie sich das dann auf die Bundestagswahlen im Herbst 2017 auswirkt.

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