Dankschreiben eines Griechen an die Deutschen

Übersetzt aus dem Englischen. Autor Ioannis Glinavos ist Dozent für Rechtswissenschaft an der University of Reading in Großbritannien. https://iglinavos.wordpress.com/2015/05/28/i-would-like-to-thank-the-german-people-a-letter-to-germany/ vom 15. Juni 2015) (Also Wochen vor dem Greferendum.) Auf seinem Blog kann man auch zahlreiche Kommentare einsehen.

„Sowohl die griechische als auch die deutsche Regierung haben sich über einen Propagandakrieg beklagt, der den Blick auf die Wahrheit verstellt und erfolgreichen Verhandlungen im Wege steht. Im Gespräch mit einem Freund aus Deutschland wurde mir heute klar, dass gewisse Fakten einer Seite auf der Hand liegen, der anderen Seite aber alles andere als offensichtlich erscheinen. Daher möchte ich an dieser Stelle einmal meine persönliche Interpretation der jüngeren griechischen Geschichte darlegen in der Hoffnung, der deutschen Öffentlichkeit eine andere Sicht zu bieten als die oft feindselige Rhetorik der griechischen Medien und (vieler) Politiker.

AGOUDIMOS LINES - Ionian Spirit

AGOUDIMOS LINES – Ionian Spirit

Das Griechenland meiner Jugend unterschied sich stark von dem modernen Land von heute. Ich will jetzt hier nicht mit Statistiken langweilen, die man leicht anderswo nachschlagen kann, aber so viel sei gesagt: Man fühlte sich dort nicht wie in Nordeuropa. Die Verhältnisse waren sehr einfach, aber in den 80-er Jahren stellte sich ein stetiger Fortschritt ein. Trotz gelegentlicher Rückschläge wurden die Menschen langsam wohlhabender und das Leben besserte sich.

Trotzdem war ein Job bei Vater Staat das Beste, was man sich für seine Kinder nur wünschen konnte. Warum? Weil in einer derart müden Konjunktur ein solch sicherer Arbeitsplatz mit gesichertem Einkommen die beste Versicherung gegen Armut bildete. Haben sich die Griechen aus Faulheit für Jobs im Öffentlichen Dienst entschieden? Nein, sondern sie nahmen die eintönige Behörden-Arbeit und das bescheidene Einkommen im Gegenzug für die Beschäftigungssicherheit in Kauf. Das ist ein bekanntes historisches Muster, das sich so oder ähnlich in vielen Ländern mit schwachen staatlichen Institutionen im Rahmen der Entwicklung von der Agrargesellschaft zur modernen Großstadt-Ökonomie abspielt.

Das politische System förderte diesen Wunsch nach staatlich finanzierten Jobs und beutete ihn auch aus. Vetternwirtschaft und Klientel-Politik waren der Normalfall. Auch das ist nichts Besonderes, wenn man einmal die einschlägige Literatur über die wirtschaftliche Entwicklung von Schwellenländern konsultiert: Provinzpolitiker machen Karriere, indem sie ihren Unterstützern Jobs besorgen. Der Staatsapparat war eng verzahnt mit dem System der Parteipolitik. Die Verhältnisse waren nicht unbedingt wie in der ehemaligen Sowjetunion, aber so etwas wie eine unpolitische Beamtenschaft gab es nicht.

Apostolos-Athanasios Tsochatzopoulos und Konstantinos Simitis

In den 1990-er Jahren reifte das politische System etwas, aber zugleich vertiefte sich die Korruption – es war gang und gäbe, seinen Amigos irgendwelche Deals zuzuschanzen. Kostas Simitis begann, das Land zu modernisieren und an Europa anzunähern, mit dem Ziel, Griechenland zu einem der europäischen „Kernstaaten“ zu machen und letztlich der geplanten Eurozone beizutreten. Mitte der 90-er Jahre verstand man unter „Modernisierung“ natürlich einen ganz bestimmten Neoliberalismus von oligarchischem Charakter, der zwar einen gewissen Anschein von Moderne importierte, aber im Übrigen den Status der Eliten und eines zutiefst korrupten politischen Establishments zementierte.

Und das bringt uns zu Deutschland und dessen Rolle bei alldem. Das Folgende ist gut dokumentiert, sei aber trotzdem angeführt: Durch den Beitritt zum Euro wurde Südeuropa (und hier speziell Griechenland) in die Lage versetzt, sich zu viel niedrigeren Zinsen Geld zu leihen als zuvor. Wer lieh es den Griechen, und was fingen die mit dem Geld an? Nordeuropäische Banken, viele davon aus Deutschland, vergaben mit großer Begeisterung Kredite an die neuen Märkte im Süden. Was machten die Griechen damit? Sie gaben es für Waren aus, die ebenfalls im Norden produziert wurden – hauptsächlich in Deutschland. Die Verschuldung an der Peripherie Europas ist das Spiegelbild des industriellen Erfolgs und Wachstums im Norden. Das meinen viele Leute damit, wenn sie sagen, dass Deutschland von den Verzerrungen der Eurozone profitiert hat: Deutsche Banken heimsten Profite ein und die deutsche Industrie fand ganz in der Nähe ihrer Produktionsstandorte willige Abnehmer für ihre Produkte.

Kostas Karamanlis

Der griechische Staat verschleierte auch seinerseits den Mangel an echtem Wirtschaftswachstum, Modernisierung und Fortschritt mit billigen Krediten – und er verschleierte die Stagnation bei den Reallöhnen, indem er Steuerflucht erlaubte. Wer beschwert sich schon groß, dass sein Gehalt nicht reicht, um sich den schicken neuen VW zu kaufen, wenn sich das Lehrergehalt doch problemlos durch unversteuerte Mieteinnahmen von ein paar Ferienzimmern am Meer aufbessern lässt?

Musste das irgendwann schief gehen? Na logisch. Spätestens bei den olympischen Spielen von Athen wurde klar, dass da irgend etwas nicht stimmen konnte. Ein plötzlicher Reichtum verbreitete sich im Land, überall wurden große Infrastrukturprojekte aus dem Boden gestampft, der Konsum boomte und jede Menge auffällige Anschaffungen wurden getätigt. Wie konnten es sich diese vielen jungen Männer bloß leisten, mitten am Tag Kaffee zu sieben Euro die Tasse zu schlürfen – scheinbar ganz ohne zu arbeiten? Und natürlich ging das schief, massiv sogar. Es brauchte zwar den kompletten Zusammenbruch der weltweiten Finanzen, um den verdorbenen Kern der griechischen Wirtschaft zu entlarven – aber als der eintrat, war die Party zu Ende.

Giorgos Andreas Papandreou

Die Frage lautet jedoch: Was jetzt? Die Griechen sind genau so wenig faule Schmarotzer, wie die Deutschen durch die Bank hartherzige Ausbeuter sind. Deutschland hat von den Jahren des Booms genau so profitiert wie Griechenland, und jetzt sind sie beide in Schwierigkeiten, obgleich Griechenland Deutschland in dieser Hinsicht voraus ist. Die wirtschaftliche Depression in Griechenland ist schlimmer als die Weltwirtschaftskrise der 1930-er Jahre und hat das Leben vieler Menschen bereits grundlegend verändert.

Und man darf Deutschland für seine Unterstützung auch ruhig mal Danke sagen, ebenso wie dem deutschen Steuerzahler dafür, dass er diese Unterstützung bezahlt hat. Es gab ja schon zwei Hilfspakete. Allerdings müssen wir alle uns auch klar machen, dass es zu einer Zeit, in der die EZB im Kampf gegen die Deflation Milliarden von Euros druckt und in die europäische Wirtschaft pumpt, moralisch geradezu abscheulich ist, von griechischen Rentnern und Arbeitern weitere Einschnitte bei ihren ohnedies äußerst geringen Einkommen zu verlangen. Das ist kein abstraktes Problem gesichtsloser Märkte, sondern ein echtes Problem, das echten Menschen betrifft. Wie würden Sie sich fühlen, wenn ihr Gehalt auf einmal um zehn oder 20 oder 40 Prozent gekürzt werden würde? Wovon würden sie dann leben? Wie würden sie ihren Kindern den gesunkenen Lebensstandard erklären? Würden sie ihnen sagen, dass daran die „Regierungen“ Schuld sind und es darum alles schon seine Richtigkeit hat, dass SIE jetzt dran sind mit zahlen? Kann der deutsche Steuerzahler allen Ernstes verlangen, dass griechische Familien für die Konstruktionsfehler der Gemeinschaftswährung bezahlen müssen, für die Manipulationen von  Goldman Sachs und das Vorgehen räuberischer Eliten im In- und Ausland?

Keine Frage – vieles läuft falsch in Griechenland, und auch die aktuelle Regierung bekleckert sich mal wieder nicht mit Ruhm. Doch in einem verkorksten System weist eine verkorkste Politik keinen Weg zu Wohlstand und Frieden für Europa – eine Politik wie die deflationäre, rezessive Sparpolitik, auf der die deutsche Regierung besteht. Schieben sie die Schuld für die aktuellen Probleme nicht den Griechen in die Schuhe und lassen sie endlich zu, dass ein wenig von dem Geld, das die EZB zu Milliarden aus der leeren Luft druckt, produktiv in die reale Wirtschaft investiert wird, statt ausschließlich Profite für Finanzinstitute zu erzeugen. Griechenland braucht eine Wende, aber seine Familien haben es nicht verdient, für  historisch gewachsene Missstände und das Versagen der Institutionen bestraft zu werden. Warum schieben die Arbeiter Europas sich gegenseitig die Schuld zu, statt den Machenschaften der Eliten?

Danke, dass ihr aufgeschlossen bleibt.“

@iGlinavos

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