Beteiligung Teil 2

Im zweiten Teil der Reihe „OpenAntrag und was die Piratenfraktion NRW draus macht“ möchte ich als erstes kurz auf das konkrete Verfahren abschweifen. Hier nochmal das Flussdiagramm von OpenAntrag.de:

workflow-schema

Ich habe wie gesagt Kai Schmalenbach gefragt, wie das denn in der Fraktion in der Praxis läuft. Es gibt da gewisse Unterschiede. Soweit er mir erklärt hat, ist da tatsächlich eine Mitarbeiterin zur Eingangsprüfung eingeteilt, aber die Entscheidung, ob ein Antrag verworfen wird, fällt auf jeden Fall immer ein Abgeordneter.

Das scheint dann allerdings so zu laufen, dass diejenige Mitarbeiterin grundsätzlich Kontakt mit dem (einem?) Abgeordneten aufnimmt, in dessen Fachgebiet ein Antrag fällt. Das führt dann höchstens zu einer kleineren Verwirrung: Sowohl bei den „rot“ abgelehnten als auch bei den „braun“ abgelehnten Anträgen kommt es vor, dass Abgeordnete die Begründung schreiben. Kleines Kuddelmuddel. Wirkt nicht wie ein ganz stringenter Ablauf. Wäre aber egal, wenn es ansonsten einwandfrei funktionieren würde.

In der Fraktionssitzung aber sind Bürgeranträge nach seinem Kenntnisstand noch nicht ein einziges Mal gelandet. Vielmehr fällt jeweils ein einzelner Abgeordneter die Entscheidung, ob und welche er übernehmen will.

Das passt natürlich voll ins Bild einer in sich nicht geschlossenen Fraktion aus lauter Einzelkämpfern, die nebeneinander her arbeiten, statt an einem Strang zu ziehen und sich zu einem System zu ergänzen, das womöglich sogar stärker ist als die Summe seiner Teile. Im Grunde bin ich aber fast froh, denn bei dem Gedanken, wie das aussehen könnte, wenn diese Leute ansonsten womöglich Bürgeranträge in ihren FraSis regelmäßig öffentlich bekritteln und zerpflücken würden, wird mir Angst und Bange. Denn deren PR-Wert und was das eigentlich Tolle daran sein könnte, haben die MdL leider nicht ganz begriffen. Siehe unten.

BÜRGERDIALOG GEHT NICHT MIT ANONYMEN PARTNERN

Zwei der „Regeln“ auf OpenAntrag.de lauten „Anträge werden grundsätzlich anonym behandelt, um die persönliche/ideologische Ebene außen vor zu lassen“ sowie „Die Bearbeitung der Anträge erfolgt transparent auf dieser Seite. Eine Benachrichtigung des Antragsstellers erfolgt nicht.“

Und wer wüsste auch besser als Piraten um die Missbrauchsmöglichkeiten.

Andererseits: Von Google und Amazon lernen heißt ein Stück weit auch siegen lernen. Bis zum nächsten Piraten-Hype werden definitiv noch Jahre vergehen, womöglich Jahrzehnte. Die fetten Jahre sind vorbei. Die Zeit der Dürre ist angebrochen. Selbst wenn die Querelen auf den verschiedensten Ebenen sich von heute auf morgen abstellen ließen und sich die NRW-Fraktion von heute auf morgen in ein schlagkräftiges, geschlossenes Team verwandeln würde, und eine geile Kampagne nach der anderen durchzöge: Das Image der Piraten ist nachhaltig beschädigt, rund die Hälfte der Mitglieder haben längst den inneren Austritt vollzogen. Die Umfragen und Wahlergebnisse sind nachhaltig ruiniert, die Glaubwürdigkeit ist auf Landes- und Bundesebene weg. Das ist keine Situation, in der sich eine Partei den Luxus leisten kann, auf den Kontakt mit interessierten Bürgern in dieser Weise von vornherein zu verzichten.

Ich plädiere dafür, hier die Möglichkeit zu schaffen, dass Antragsteller zumindest freiwillig eine Email-Adresse angeben können, über die man die Möglichkeit hat, mit ihnen in Kontakt zu treten. Ich stimme zu, dass die nicht veröffentlicht werden sollte. Und die Piraten müssten das natürlich absolut vorbildhaft handhaben. Es müsste sehr einfach und zuverlässig möglich sein, die gespeicherte Adresse aus der Datenbank löschen zu lassen. Missbrauch müsste sehr zuverlässig ausgeschlossen werden.

Aber wenn man das nicht macht, riskiert man weiterhin, so wie auch jetzt schon, unnötige Enttäuschung beim interessierten Bürger. Beispielsweise steht bei vielen der „erster Klasse“ abgebügelten, braun gekennzeichneten Anträge, die „mit Fraktions-Feedback“ bereits final bearbeitet sind, in der Begründung so was wie „das machen wir vielleicht später mal“.

Das mag noch so ehrlich gemeint sein – das sieht trotzdem natürlich aus wie eine folgenlose Absichtserklärung. Wie sie der Bürger von Normal- und Altparteien kennt. Macht keinen guten Eindruck. Vor allem wenn zusätzlich rein nominell der Eindruck aufkommt, dass eh fast die Hälfte der eingehenden Anträge abgebügelt und fast ein Drittel gar nicht erst geprüft wird, oder zumindest nicht zeitnah.

Wenn man es dagegen ernst meint und den Antrag tatsächlich später noch einmal aufgreift, oder ein ähnliches Projekt startet, oder an die zuständige Stelle auf EU- beziehungsweise kommunaler Ebene weiterleitet, dann hätte man mit einer Kontaktadresse wenigstens theoretisch die Möglichkeit, das dem Antragsteller dann auch noch mal mitzuteilen. Lange nachdem der das unmittelbare Interesse womöglich wieder verloren, womöglich längst vergessen hat, dass er da überhaupt mal was eingereicht hatte.

BÜRGERANTRÄGE IN DIE ÖFFENTLICHKEITSARBEIT EINBEZIEHEN

Man hätte zumindest theoretisch die Chance darauf, diesen Bürger auch in die Öffentlichkeitsarbeit mit einzubeziehen. Und sei es nur absoluter Minimal-Standard. Kleine Foto-Op mit dem Abgeordneten. Pressemitteilung. „Jacqueline M. hat einen Bürgerantrag gestellt, der jetzt tatsächlich im Landtag beraten wird. Landtagsabgeordneter Pirat sowieso hat ihn übernommen. „Echt eine super Idee, die wir gerne aufgegriffen haben…““ Da würde sich mancher Bürger bestimmt freuen über seine 15 Minuten Rampenlicht. Und wenn „nur“ der Mensch vom lokalen Piratenstammtisch hingeht und es im völlig unterschätzten lokalen Anzeigenblatt landet. Man kann sich diesen Mechanismen verschließen. Aber dann bitte auch nicht klagen, wenn man nirgends stattfindet.

In dem Moment, wo so was tatsächlich im Lokalteil landete, hätte man übrigens dem Stammtisch und den Kommunalpiraten vor Ort was Gutes getan und ihnen einen klasse Aufhänger für Pressearbeit geliefert. Die kommunalen und lokalen Ebenen sind übrigens im nächsten Jahrzehnt die aller-aller-wichtigsten Ebenen für die Piratenpartei. Nennt mich Pessimist, aber ich halte die Landtagswahl NRW 2017 bereits jetzt für verloren. Kommunal muss vernünftige Arbeit geleistet werden. Kommunal werden sich Leute als erstes beweisen müssen, wenn sie bei den Piraten noch mal bei Landtagswahlen oder Höherem auf aussichtsreichen Listenplätzen aufgestellt werden wollen.

Denkt in dem Zusammenhang auch an die gar nicht so wenigen Anträge, die aussortiert wurden, weil nicht der Landtag zuständig ist, sondern eine Stadt, ein Kreis oder die EU. Als vorbildlicher Piratenabgeordneter reicht man die ja selbstverständlich umgehend an die zuständige Piratenstelle weiter, soweit es eine gibt. Mit Kontaktadresse hätten die entsprechenden Kommunalpiraten oder Julia Reda im Europa-Parlament zumindest theoretisch die Möglichkeit, den Antragsteller einzubeziehen und ihm aktiv deutlich zu machen, wie ernst die Piraten ihn nehmen. Ich will jetzt nicht sagen, man solle OpenAntrag.de wie eine PR- und Marketing-Plattform betreiben. Aber eine stärkere Orientierung an den Prinzipien von PR und Marketing könnte der Nummer gut tun.

TRANSPARENZ

Ich hatte ja im ersten Teil schon kurz angerissen, dass es gute Gründe geben kann, Bürgeranträge von vornherein auszusortieren. Auf OpenAntrag selbst steht dazu nur Regel Nummer 1:

„Jeder Antrag wird geprüft. Wir behalten uns jedoch vor, nur solche Anträge weiterzuverfolgen, die unserem politischen Selbstverständnis entsprechen.“

Mehr kann und darf da auch nicht stehen. Denn wie schon im ersten Teil geschrieben: OpenAntrag.de macht nur den ersten Schritt, es nimmt die Anträge entgegen und leitet sie an die jeweilige Fraktion weiter.

INFORMIERE DICH SELBST

Jetzt werden sich zumindest einige Bürger natürlich fragen, wie das läuft mit dieser Prüfung? Was sind denn die Kriterien dafür, dass ein Antrag schon in der Vorprüfung raus fällt? Vor allem: Wie muss ich den Antrag schreiben, damit er möglichst gute Chancen hat, tatsächlich im Landtag zu landen?

Misstrauischen Basispiraten fallen sogar noch mehr Fragen ein: Guckt da ein MdL drüber oder ein Angestellter? Immer der gleiche oder jedes Mal ein anderer? Oder gar ein Gremium, das über die Anträge abstimmt?

Es könnte sich als gute Idee erweisen, diesen Prozess direkt auf der Selbstdarstellungsseite der Fraktion auf OpenAntrag.de zu beschreiben und auch direkt einen Katalog mit konkreten Kriterien dort zu veröffentlichen. Der muss noch nicht einmal abschließend sein, um die Transparenz zu fördern. Man kann das als nicht abschließend kennzeichnen und einen Disclaimer hinzu setzen, so nach dem Motto „wir behalten uns vor, jeden Einzelfall gesondert zu behandeln“. Selbst das würde bereits dazu beitragen, den Anschein von Willkür zu vermeiden. Und womöglich sogar dazu beitragen, dass vorn vornherein bessere Anträge herein kommen, von denen weniger schon in der Vorprüfung herausfallen. Denn das muss ja das Ziel sein: Nachhaltig möglichst viele Bürgeranträge zu generieren und davon möglichst viele ins Plenum zu bringen.

Anderenfalls besteht das Risiko, dass der interessierte Bürger, bevor er sich hinsetzt und seinen Antrag schreibt, sich erst mal <klick> die abgelehnten Anträge anschaut und mal einige kurz durchgeht. Um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Ich hab die hier mal kurz und klickbar in einer Google-Tabelle zusammengefasst. Tabelle_k

Diese Begründungen für die Ablehnungen habe ich natürlich stark zugespitzt. Aber glaubt mal bloß nicht, dass ich der einzige bin, der dazu in der Lage wäre, Bullshit als solchen zu durchschauen.

ABLEHNUNG BITTE GESCHEIT BEGRÜNDEN

Womit wir beim nächsten größeren Aufreger wären: Die Begründungen, mit denen dort stellenweise Anträge bereits aus der Vorprüfung fallen.

Da fordert ein Bürger, Politikern zu verbieten, vor Wahlen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufzutreten.

TV_Verbot_k

Da wird die Ablehnung unter anderem und als als erstes damit begründet, dass das den Rundfunkstaatsvertrag betreffe, auf dessen Inhalt die Parlamente aktuell kaum Einfluss hätten.

Newsflash: Die Piratenfraktion hat im Parlament bei Abstimmungen auf NICHTS irgendwelchen Einfluss. Sie ist eine winzige Oppositionsfraktion. Etwaiger Einfluss läuft unter diesen Vorzeichen höchstens über die öffentliche Meinung. Keine gescheite PR, kein Einfluss. Was spricht denn dann gegen einen Antrag auf Änderung oder Neuverhandlung des Rundfunkstaatsvertrags? Darf die Fraktion so was nicht stellen? Der in der Begründung angeführte Piratenantrag, den Parlamenten da mehr Einfluss einzuräumen, wurde ebenfalls im Ausschuss abgeschmettert. Wie zu erwarten war. Irgend ein nachhaltiges Medienecho der Fraktion in dieser Frage ist mir nicht erinnerlich. Ist doch dann egal, wieso der Antrag im Einzelnen abgebügelt wird. Dann kann man auch ruhig einen krakeeligen Antrag stellen und den dann in der Öffentlichkeit ordentlich ausschlachten. Der Boulevard hat in diesem Fall die Wahl zwischen zwei Schlagzeilen: „PIRATEN WOLLEN WAHLKAMPF VERBIETEN!“ oder „PIRATEN STELLEN FORMAL UNZULÄSSIGEN ANTRAG AUF ÄNDERUNG DES RUNDFUNKSTAATSVERTRAGS!“

Was glaubt ihr, welche sie wohl nehmen?

Zugegeben, ausgerechnet dieses Politiker-Auftrittsverbot fände ich da einen  befremdlichen Gegenstand. Aus vielerlei Gründen. Als erstes schon weil es ein Verbot ist, und das sollte für eine freiheitliche Partei wie die Piraten das allerletzte Mittel gegen krasseste Missständen sein. Aber dann muss man gegen so einen Bürgerantrag doch nicht so einen abstrusen, formaljuristischen Krampf anführen. Da gäbe es doch echt ganz andere Argumente.Tabaktrolling

Ähnlich sieht’s aus bei diesem in Teil 1 dieses Blogs schon mal eingestreuten Trollantrag vom 6. Oktober 2013, den ich persönlich herrlich finde: bundesweites Verbot sämtlicher Tabakwaren und -nebenerzeugnisse, Begründung: Gleichstellung mit den heute illegalen Drogen, die ja teils bei Weitem nicht so gesundheitsgefährdend sind.

Würde die Fraktion so einen Antrag stellen, dann natürlich nicht, weil sie ernsthaft Tabak verbieten will. (Hoffe ich.) Vielmehr wäre das eine PR-Aktion, um das öffentliche Interesse auf die politische Forderung der Piraten nach einer an rationalen Kriterien und dem Recht auf Selbstbestimmung orientierten Drogenpolitik zu lenken. Wie gesagt. Siehe oben. Um Einfluss über den Umweg der öffentliche Meinung zu erlangen. Wo sie doch im Parlament keinen haben.

Das wäre zugegeben ein zweischneidiges Schwert, so was muss man als Parlamentarier nicht mögen. Aus meiner Sicht sollte man das als Parlamentarier einer kleinen, freiheitlich orientierten Protest- und Bürgerrechtspartei mögen, die eine solche politische Forderung im Programm hat. Aber es ist verständlich, dass manche Leute so was halt nicht wollen.

Das muss PR-technisch auch sorgfältig durchdacht und handwerklich sauber durchgezogen werden, damit am Ende nach dem Sturm im Wasserglas auch wirklich der Fokus der Aufmerksamkeit da liegt, wo man ihn haben will. Und nicht etwa die Piraten am Ende als die Partei da stehen, von der alle glauben, sie wolle tatsächlich Tabak komplett verbieten. Von technisch einwandfreier PR-Arbeit kann man bei Piraten ja leider nicht immer ausgehen.

Außerdem wäre der Landtag für diesen Antrag in der Form natürlich nicht zuständig, sondern allenfalls eine Bundestagsfraktion (aber die Bundestagswahl war zu dem Zeitpunkt gerade verloren gegangen) oder, noch wahrscheinlicher, das EU-Parlament (aber da saß zu diesem Zeitpunkt noch keine Julia Reda für die Piratenpartei. Heute dagegen könnte man ihr diesen Antrag eigentlich durchaus noch mal weiterleiten. Oder noch besser: Sie könnte ihrer Straßburger Fraktion womöglich eine OpenAntrag-Instanz einrichten lassen! Aber ich schweife ab.)

Aber jedenfalls: All so was hätte man da als nachvollziehbare Begründung reinschreiben können. Oder man hätte den Antrag einfach auf das Land NRW umformulieren können; schließlich gibt es ja auch ein nur auf dieses Bundesland bezogenes Nichtraucher-Schutzgesetz. Und soweit ich informiert bin, ich mag mich täuschen, ist es wie gesagt nicht per se verboten, sinnlose Anträge zu stellen. Ob der Antrag nun aus formalen Gründen kassiert oder von den Altparteien, wie jeder andere Piratenantrag, niedergestimmt wird, wäre für den PR-Erfolg eines Trollantrags nicht so erheblich, wenn das gescheit gemacht wird. PIRATEN WOLLEN ZIGARETTENVERBOT oder „PIRATEN STELLEN FORMAL UNZULÄSSIGEN ANTRAG AUF TABAKPROHIBITION“, Herr Bildzeitungsredakteur?

Mann muss dann natürlich direkt ordentlich Substanz nachlegen. Aber für die anschließende Substanzoffensive hätten wir zum damaligen Zeitpunkt ja sogar noch unseren Andi Rohde gehabt.

Stattdessen wählte die Piratenfraktion NRW das Folgende, um ihre Ablehnung dieses Bürgerantrags bereits in der Vorauswahl zu begründen:Tabakbegruend

Leute: Erstens ist der Satz mehrdeutig. Sogar ich als hauptberuflicher Textprofi habe hier längere Zeit nicht verstanden, dass „im LiquidFeedback“ sich sowohl auf „Abstimmung“ ALS AUCH auf „Rücksprache“ beziehen soll.

Das liest sich, als hätte der Sachbearbeiter der Fraktion im Wesentlichen mit irgendwelchen nicht näher genannten Piraten darüber gequatscht und denen hätte das aus nicht näher genannten Gründen einfach nicht gefallen, also wäre das abgelehnt worden.

Aber selbst wenn der Bürger jetzt auf den Liquid-Link klickt, kriegt er da wenig Verständliches zu sehen. Als Gast ohne Account sieht man da noch nicht mal, wer die Liquid-Ini gestartet hat (in diesem Fall der Abgeordnete Schmalenbach). Man könnte auf die Idee kommen, das sei irgend ein namenloser Sachbearbeiter gewesen.

Einer der Sätze, die der OpenAntragsteller noch am Besten verstehen dürfte, ist dieser: Tabak_Liq

Tja. OpenAntrag gescheitert – am Quorum. Also an dem gleichen Bürger-Ausbrems-Mechanismus wie alle anderen Schein-Mittel der „direkten Demokratie“ auch. Wie niedrig dieses Quorum war (sechs Stimmen, wenn ich das richtig verstehe) versteht der Bürger ebenso wenig wie dass da so etwas ähnliches wie eine Diskussion stattgefunden hat, an der sich einige Leute beteiligt haben, die substanziell eine Menge von Drogenpolitik verstehen, aber den PR-Wert dieser Art von Trollerei einfach nicht zu würdigen wissen. Oder dass er als nicht-Parteimitglied von dieser Diskussion ausgeschlossen war und nicht einmal für seinen Antrag kämpfen konnte.

Ich will der Fraktion zwei Dinge zu Gute halten: Das war ein ehrenwerter Versuch, die Basis einzubinden und dazu das Liquid zu nutzen, auch wenn das NRW-Liquid aus meiner Sicht zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich tot war. Aber als Volksvertreter soll man ja geduldig sein und nicht so schnell aufgeben. Und zum anderen hatte man damals noch nicht so viel Erfahrung mit OpenAntrag. Ich bin überzeugt, heute würde man diesen Antrag bei einer Ablehnung nicht auf „rot“, sondern auf „braun“ setzen und im „Fraktions-Feedback“ etwas mehr und Besseres schreiben als diesen lapidaren Satz da oben. Und Kai Schmalenbach würde sich als dafür verantwortlicher Abgeordneter zu erkennen geben, wie anderenorts mehrfach getan.

Aber das ist alles Peanuts gegen die Wahre Härte:

WAHLPROGRAMM? NÖÖÖ. WAR NUR EIN WALVERSPRECHEN

Kostenbremse_k

Da haut jemand stichpunktartig ein ganzes PAKET Maßnahmen rein, um etwas gegen die üblichen nachträglichen Kostenexplosionen bei öffentlichen Bauvorhaben zu tun. Ich bin da kein Fachmann, aber für mich klingt vieles davon plausibel, würde die Transparenz steigern und scheint sich 1:1 mit der piratigen Kernforderung nach dem „Gläsernen Staat“ zu decken.Kosten_begr

Es ist ja nicht nur, dass dieser Antragsteller angesichts der fehlenden Informationen über den Ablauf des Verfahrens davon ausgehen muss, dass er hier von „irgend einem Hiwi“ abgebügelt wird.

Da kommt dann zum einen auch noch der Verweis auf die Zuständigkeit des Bundes. Leute! Etwas Fantasie bitte! Nur weil hier Autobahnen als Beispiele gebracht werden, heißt das doch nicht, dass man seine vielen guten Anregungen nicht auch auf Bauvorhaben des Landes anwenden könnte! Das Ding müsste sowieso intensiv überarbeitet werden – diese dürren Stichwörter enthalten Stoff für mehrere Gesetzesvorlagen!

Aber die Härte ist der Rest der Ablehnung. Was bitteschön soll denn dieses ganze Herumgewiesel mit „ob das politisch überhaupt gewollt ist, wäre zu diskutieren“? Dieser Antrag befindet sich in vollständiger Übereinstimmung mit den piratigen Grundsätzen und der Programmatik! Was der gute Mensch will, fordern die Piraten NRW seit 2012 in ihrem nach wie vor gültigen Wahlprogramm! Guckt einfach mal rein in den Abschnitt Finanzen. „Effizienz durch Transparenz“, „Offenlegung der Ausgaben für Landesvorhaben“. „Ausstieg aus Cross-Border-Leasing und Verbot von ähnlichen Konzepten!“ So was lehnen die Piraten ab! Da muss man nicht mehr groß nach dem politischen Willen fragen, da gab es am 14. April 2012 beim Landesparteitag eine Zweidrittelmehrheit!

Noch krasser tritt der gleiche Sachverhalt bei diesem Antrag hier auf:Zert_K

Die Forderung nach einem Zertifikatsystem stammt 1:1 aus dem Abschnitt „Bildung“ des Wahlprogramms von 2012. Was an Schulnoten so schlecht ist, hat noch ausführlicher Klaus Hammer als damalige Leiter des AK Bildung der Piratenpartei NRW im Kompass Ausgabe 2012.2 erläutert.Kompass

Natürlich ist es im Wahlprogramm primär als verbindendes Element der „flüssigen Schullaufbahn“ gedacht, die den NRW-Piraten als ganz große systematische Schul- und Bildungsreform vorschwebt. Natürlich hat der AK Bildung seine programmatische Vision vom Ende, vom Idealfall her aufgezäumt.

Charmanterweise jedoch, das versichere ich als examinierter Sek-II-Lehrer, würde ein Zertifikatsystem auch ohne diese Riesenreform funktionieren. Es würde bereits die aktuelle traurige Ausrede für ein Schul-„System“, das NRW sich da leistet, spürbar bereichern. Es wäre gerechter, transparenter und vergleichbarer als das Gewurschtel mit den klassischen Schulnoten. Was der Antragsteller auch in luziden Worten ausführlich und verständlich darlegt. Da könnte man es als Zeichen vernünftiger Realpolitik ausschlachten: Die Piratenfraktion nimmt sich zurück und legt als erste Teilforderung aus ihrem umfassenden, äußerst fortschrittlichen Bildungsprogramm erst mal nur dieses einzige Sahnestückchen vor. Das ist das Narrativ, das man aus so was spinnen kann.

Stattdessen:Zert_begr

„Och nö, im Grunde braucht man das ja nicht“ und „Jo, vielleicht streuen wir irgendwann mal einen Nebensatz in einer dieser folgenlosen Plenarreden ein.“

Leute, wenn sich Bürgeranträge SO klar mit den eigenen Wahlversprechen decken, dann braucht es aus meiner Sicht sogar ganz besonders gute Gründe und eine ganz besonders sorgfältige Erklärung, warum man da nicht sofort was draus macht.

Das ist genau das, was ich im ersten Teil meinte: „Mit größter Sorgfalt und einiger Kreativität prüfen, was sich daraus machen lässt!“ Und es dann auch machen! Und wenn man es nicht machen will – schön und gut, ist euer gutes Recht. Aber dann schreibt bitte klipp und klar hin, warum nicht!

Solar_BegrAn anderer Stelle geht es doch auch! Siehe Kai Schmalenbachs Begründung bei „Solarwege“ oder Michele Marsching bei „Beamten“!Beamten_Begr

 

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