In Sachen Zwangsprostitution

Meine Antwort auf einen Artikel auf huffingtonpost.de, die ich hier in stark erweiterter Form einstelle, bis diese Webseite ihre kaputte Kommentarfunktion repariert hat.

Copyright: williamlangeveld / 123RF Stock PhotoWusstet ihr schon? Nachdem die Prostitution in Deutschland 2001 legalisiert wurde, hat es nur drei Jahre gedauert, bis ein findiger Schwabe 2004 auf die Idee kam, das Ebay-Geschäftsmodell darauf anzuwenden. Resultat: gesext.de, das nach eigenen Angaben führende deutsche Auktionshaus für sexuelle Gefälligkeiten. Doch, das gibt’s.

Und das ist ja so weit auch ganz prima, wenngleich es sich bei den Anbieter*Innen entgegen den Angaben in ihren Beschreibungen in der Regel natürlich doch nicht um Amateure handelt, um „Stundentinnen“ oder „Hausfrauen“, die ausnahmsweise oder $ausGründen „das Angenehme mit dem Nützlichen“ verbinden. Sondern meistens eben doch um gewerbsmäßige / hauptberufliche „Professionelle“. Kunststück, lässt sich auf gesext.de doch mit minimalem Aufwand, einigen Handy-Schnappschüssen und ein wenig Prosa locker das fünf- bis 50-fache des „normalen“ Satzes herausholen, der je nachdem (Location! Location! Location!) bei um die 30 Euro für einen Quickie auf dem Straßenstrich beginnt. Um das zu erkennen, muss man sich nur mal ein wenig auf einschlägigen Freier-Webforen umtun. „Es gibt keine 2000-Euro-Nutten, es gibt nur 2000-Euro-Freier“ lautet dort ein beliebter Aphorismus, und gesext.de scheint geradezu eine Suchmaschine für solche Freier zu sein, mit einer ziemlich guten Trefferquote.

Und das sei allen Beteiligten aus vollem Herzen gegönnt. Frau ist dadurch kaum noch auf „Beschützer“ und dergleichen angewiesen. Wer schon immer mal damit geliebäugelt hat, mit One-night-stands Geld zu verdienen – ich sehe darin moralisch rein gar nichts Verwerfliches – der muss sich dazu nicht mehr in eine reale Halbwelt mit zwielichtigen Figuren und Profiteuren begeben, sondern allenfalls in eine virtuelle. Die aber hat – abgesehen von der Natur der angebotenen Dienstleistung – weit mehr von einem ganz normalen eBusiness-Umfeld als von einer Sündenmeile. Klare Konditionen, AGB, Gebührentabelle, PR und Pressemitteilungen. Das wirkt einigermaßen transparent und der Emanzipation durchaus förderlich. In etwa so stelle ich mir auch den Drogenkonsum vor, sobald das Hanf mal endlich freigegeben wird.

Das alles zur Erläuterung. Das Zentrale des obigen Artikels in der Huffpost unterschreibe ich ausdrücklich. Ich bin dagegen, „freiwillige“ Sexarbeit zu kriminalisieren und begrüße den deregulierten deutschen Sexmarkt, der solche emanzipatorischen Entwicklungen ermöglicht. (Hat allerdings weniger mit Feminismus als dem Kampf für Frauenrechte zu tun – zwei *sehr* verschiedene Paar Schuhe, selbst wenn so bedeutende Politikerinnen wie Hillary Clinton da eine naivere Sicht der Dinge präsentieren. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Aber ich schweife ab.) Jedenfalls finde ich halt, von Sexarbeit sollten vorrangig diejenigen profitieren, die ihre eigenen Geschlechtsteile hinhalten, und nicht so sehr Zuhälter, Madams oder Schieberbanden.

Leider greift der Huffpost-Artikel in seiner Beschreibung der Realität von Prostitution jedoch viel zu kurz, beschränkt sich auf einen stark romantisierten Prostitutionsbegriff. Als gebe es überhaupt nur noch gesext und ähnliche Plattformen. Die Existenz von Zwangsprostitution wird relativiert, ja fast abgestritten.

Tatsächlich macht „freiwillige“ Sexarbeit leider auch in Deutschland mit seinem liberalen Prostitutions-Gesetz nur einen kleinen Bruchteil aus.

Zwangsprostitution existiert sehr wohl. Nur wenige Wochen zuvor berichtete sogar die Huffington Post selbst davon und ließ ein Opfer zu Wort kommen. Und mehr als das: Ihr Geschäftsvolumen dürfte das von „freiwilliger“ Prostitution um ein Vielfaches übertreffen. Sie wird halt kaum jemals aufgedeckt, exakte Angaben sind schwierig, die Dunkelziffer ist hoch.

Zudem gab es natürlich noch nie eine wirklich scharfe Trennlinie zwischen „Zwang“ und „freiwillig“. Es ist eher so ein Kontinuum – klar „freiwillig“ am einen Ende, „Zwang“ am anderen und dazwischen jede Menge graue Schattierungen. Das uralte Anwerbe-Modell funktioniert auch heute noch; auf Wikipedia wird es als „Loverboy-Methode“ beschrieben: Der Rekrutierer gaukelt dem Opfer vor, er sei in sie verliebt, entfremdet sie über Wochen von ihren Angehörigen und entfernt sie im Idealfall ganz aus ihrem sozialen Umfeld. Ein immer wiederkehrendes Muster: Das Opfer unterlag der Fiktion, es würde nur begrenzte Zeit als Gastarbeiter ins Ausland gehen, um Geld als Au-pair, Kellner oder dergleichen zu verdienen und anschließend eine Existenz im Heimatland mit dem vermeintlichen „Geliebten“ zu gründen. Selbst „klassische“ Prostituierte sind seit Urzeiten mit solchen Maschen rekrutiert worden. Im eigenen Land, im gewohnten Umfeld mag es noch leichter fallen, sich dem Ansinnen des Rekrutierers zu entziehen, sobald der die Karten auf den Tisch legt. Im fremdsprachigen Ausland, wenn Pass und Visum erst mal konfisziert wurden und man den unerfahrenen jungen Frauen beliebige Schauermärchen über die Behörden erzählen kann, sieht das anders aus.

Und wie „freiwillig“ geht eigentlich eine Süchtige anschaffen?

Wie auch immer. Fest steht: Frauen aus Osteuropa, vom Balkan, aus Afrika und anderswo werden von organisierten Banden im großen Stil importiert und zur Prostitution gezwungen. Wikipedia:

„In der EU werden schätzungsweise jedes Jahr 200.000 Zwangsprostituierte durch Menschenhändler an Zuhälter verkauft. (…) Die UN schätzt die Zahl der weiblichen Zwangsprostituierten in Europa auf 500.000. Der illegale Sklavenhandel soll dabei einen Umsatz von 10 Milliarden Dollar betragen haben.

Und all dem hat die Liberalisierung des Sexmarktes in Deutschland leider auch noch Vorschub geleistet. Ein beliebter Trick, um die Meldepflicht zu unterlaufen, besteht augenscheinlich darin, die Frauen im wöchentlichen Wechsel in anonymen Groß-Bordellen anzubieten, die an das jeweilige kriminelle Netzwerk angeschlossen sind und sich vorzugsweise abseits in Industriegebieten und dergleichen befinden. Nach wenigen Tagen werden die Frauen dann in ganzen Busladungen weiter durchs Land gekarrt. Chronisch unterbesetzte Behörden haben kaum eine Chance, dergleichen nachzuverfolgen. (Leider finde ich grad die Reportage nicht wieder, in der ich davon zum ersten Mal gehört habe; es könnte in den WDR Funkhausgesprächen vom 05. oder 06. Dezember 2013 gewesen sein.)

Und an dem obigen Artikel stört mich dann halt, dass er das Thema unter Ausschluss dieses entscheidenden Großteils der Realität beackert. Das ist mir alles ein wenig zu einfach. Wenn die Behörden noch nicht einmal die Meldepflicht durchsetzen können, dann hat man mit an sich ehrenwerten Modellen wie der dort angeregten „Einstiegsberatung“ nun mal nicht den Hauch einer Chance.

Ich habe zu diesem Problem ebenfalls keine perfekte Lösung parat. Ein Patentrezept kann es kaum geben. Die Politik steht vor einem Paradoxon wie so oft, und auch dieses wird sie nicht zu aller Zufriedenheit auflösen können. Ginge es nach mir, müsste zunächst mal die behördliche Präsenz ausgebaut werden, um eine höhere Erfolgsquote bei der Meldepflicht zu erreichen. Das würde natürlich eine Masse Geld kosten, da müsste man womöglich schon mal die eine oder andere Großbank pleite gehen lassen. Und Datenschutz hin oder her, hier könnte ich mir durchaus vorstellen, ausländische Prostituierte ohne deutsche Sprachkenntnisse, die in Bordellen angetroffen werden, in großem Umfang erkennungsdienstlich zu behandeln. IANAL, aber das würde in meinen Augen dem Opferschutz dienen, den ich aus laienhafter Sicht hier für das größere Rechtsgut halte.

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