Offener Brief von ThSteier an die Piratenpartei aus dem Heise-Forum

Ich veröffentliche diesen Offenen Brief von ThSteier (wer immer das auch sein mag) mal weisungsgemäß als Gastbeitrag auf meinem Blog hier, um die Shareability zu erhöhen. Einiges teile ich, anderes gibt einem zu denken, manche Dinge sehe ich auch anders (zum Beispiel das mit der Basisdemokratie) (wobei: er hat recht, wenn er sagt „nicht mal bei EUCH funktioniert sie so wie ihr sie euch vorstellt.“)

Liebe Piratinnen und Piraten, liebe Eichhörnchen und was auch immer!

Ich schreibe das hier, weil ich a) keine Ahnung habe, wie und wo ich mehr als ein paar von euch auf einmal erreichen könnte, und b) 140 Zeichen bei Twitter für das, was ich zu sagen habe, vielleicht doch etwas knapp sind. Aber vielleicht kann’s ja irgend jemand, der das Geschreibsel für des Lesens wert hält, an die passenden Stellen weiterleiten…

Meine persönliche Einstellung zur Piratenpartei ist im Moment eher zwiespältig. Auf der einen Seite war ich um 2009, als es die Partei in die öffentliche Wahrnehmung geschafft hatte, nahe dran, selbst Mitglied zu werden – und habe dann gekniffen, weil mir meine berufliche Situation nicht wirklich eine Chance gelassen hätte, mich aktiv und jenseits von „Online-Weltverbessern“ einzubringen. Und dann, ja, dann setzte bei euch eine Entwicklung ein, die mich eher abgeschreckt hat.

/Dass/ das öffentliche Interesse und der Zulauf spätestens nach der Berlin-Wahl für Probleme sorgt, war abzusehen – aber dass es /so/ schlimm kommt, nicht. Sorry, aber ihr habt die Messlatte, was Naivität angeht, um ein ganzes Stück höher gelegt – und die reale Welt so gesehen, wie ihr sie euch als Ziel vorstellt, aber nicht so, wie sie noch ist. Ein lebendiges Beispiel für „Das Gegenteil von ‚gut‘ ist ‚gut gemeint.“ und „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“ Und ganz ehrlich – wenn ihr nach den letzten Wochen und Monaten wirklich damit gerechnet habt, in den Bundestag einzuziehen, ist das nur ein weiterer Beweis für eben diese Naivität.

Aber um mal auf die Dinge zu sprechen zu kommen, die mir am meisten am Herzen und auf der Zunge liegen:

Punkt 1 – die Ausrichtung

Ihr habt euch verzettelt. Der ursprüngliche Ansatz als liberale Bürgerrechtspartei mit informationstechnischem Schwerpunkt hätte für den Anfang als Arbeitsfeld vollkommen ausgereicht und eure Kräfte zur Genüge beansprucht. Dort gab und gibt es mehr als genug Punkte, bei denen ihr hättet etwas bewegen und Aufmerksamkeit erkämpfen können. Wenn das funktioniert hätte – wenn IHR funktioniert hättet – hättet ihr immer noch in die Breite gehen und andere Themenbereiche abdecken können.

Aber nein, stattdessen brauchte es sofort ein 110%iges Vollprogramm als Regierungspartei, das auch noch das kleinste Nischeninteresse abdeckt. Nebenbei wird noch versucht, die „Linke“ links und die „Grünen“ in Sachen ‚Gender‘ und ‚Erhobener Zeigefinger‘ zu überholen. Wozu? Die Leute, die ihren Schwerpunkt dorthin legen, haben schon Parteien zur Auswahl – für die wäre es sinnvoller, sich dort konstruktiv einzubringen, anstelle zu versuchen, die PP nach ihren Vorstellungen zu verbiegen.

Wenn man als Außenstehender bei euch reinschaut, hat man den Eindruck, dass mittlerweile jedes aktive Mitglied seine eigene Arbeitsgruppe und seine eigenen Vorstellungen davon hat, für was die Partei eigentlich stehen soll. Aber eine klare Linie – was ist das?

Was mich zum nächsten Problem bringt:

Punkt 2 – eure Öffentlichkeitsarbeit

Selbst die Punkte, über die ihr euch ausnahmsweise einmal einig wart, habt ihr nicht nach außen kommuniziert. Mit „außen“ meine ich hier die reale Welt, jenseits von Facebook und Twitter – dort, wo sich das Leben eurer potentiellen Wähler wirklich abspielt. Wenn man dort Gehör finden will, kann man nicht darauf warten, dass sich die Medien verstreute Informationen und Presseerklärungen irgendwo im Netz zusammensuchen. Die denken nicht daran – die warten lieber auf den nächsten Eklat (Munition habt ihr ihnen ja zur Genüge geliefert), der ihnen zum Ausschlachten in den Schoß fällt. Ihr seit nicht die CxU mit einem Rudel Hofberichterstatter – also geht raus! Geht an die „traditionellen“ Medien ran – mit /einer/ Stimme – bis es ihnen nicht mehr möglich ist, euch zu ignorieren. Ihr könnt euch nicht hinstellen und darauf warten, dass die Menschen dorthin kommen wo ihr sie gern haben wollt – ihr müsst sie dort abholen, wo sie jetzt und heute sind.

Das Konzept „Themen statt Köpfe“ funktioniert so einfach nicht, weil in der Öffentlichkeit niemand weiß, wer denn nun für die PP und wer nur für einen Kreisverband oder gar eine Ein-Mann-AG spricht. Weil es nichts und niemanden gibt, an den man sich halten kann – mit einem noch so kreativen Twitter- oder FB-Account können sich die wenigsten Leute jenseits der 30 identifizieren, wenn sie die Person dahinter nicht kennen.

Punkt 3 – das WIE entscheidet
Es gibt bei den Piraten jede Menge (oft widersprüchlicher, aber egal) Ideen, aber in den seltensten Fällen auch mal konkrete Ergebnisse oder gar Vorstellungen, wie man sich eigentlich die Umsetzung vorstellt. Siehe zB das leidige Thema BGE. Hat denn mal irgend jemand /öffentlich/ kommuniziert, wie das funktionieren und finanziert werden soll? Für den Durchschnittswähler klingt das, was bei ihm ankommt, erst mal nur nach „…na prima, und wir dürfen die Faulenzer dann wieder bezahlen!“ – aber woher soll er es denn besser wissen? Ein Familienvater, der 50-Stunden-Wochen schiebt, hängt dann nicht noch jeden Abend vier Stunden vor dem PC, um sich das aktuellste PP-Update zusammenzusuchen. Der ist froh, wenn er mal seine Ruhe hat, und bildet sich seine Meinung aus dem, was er aufschnappt und im Bekanntenkreis erfährt.


Punkt 4 – euer Umgang mit Kritik und Andersdenkenden

Euer gefühlter Umgang mit Kritik – sowohl interner als auch externer Herkunft – ist verheerend. Vielleicht bin ich zu alt, aber unter Diskussionskultur verstehe ich etwas anderes, als seinen Gegner (oder einfach jemanden mit einer abweichenden Meinung) niederzubrüllen und unter einem Shitstorm zu begraben. Argumente? Fehlanzeige. Hauptsache, drauf – wer am lautesten schreit und die meisten Leute mobil machen kann, hat recht. Eine bunte Mischung aus 4chan und einem beliebigen u18-Gamerforum. Oder (aus Sicht der Leute, deren Leben sich eher offline abspielt) ein durchschnittlicher Kneipenstreit mit 3 Promille…

Und was in den letzten Wochen nicht nur mir sauer aufgestoßen ist: Man findet an der „AfD“ jede Menge, was kritikwürdig ist – vom Populismus und der politischen Ausrichtung angefangen. Aber das kann und sollte man auch sachlich angehen. Die „Alles-Nazis!!“-Schaum-vorm-Mund-Kampagne etlicher PP-Mitglieder war mehr als grenzwertig und hat möglicherweise mehr kaputt gemacht als geholfen. Weil: Die AfD ist ohne Zweifel populistisch – aber das heißt auch, sie hat ein Thema gefunden, das die Leute bewegt. Und nun kommen welche, erklären eben diesen Leuten, dass sie bescheuert sind, und erwarten dann, dass sie zum Dank von ihnen gewählt werden? Hallo?

Auch die spontanen Online-Reaktionen auf das Wahlergebnis sind zu großen Teilen enttäuschend. Selbstkritik findet man in den seltensten Fällen. Stattdessen geht es mit Schönfärberei á la „Wir haben 1000 Stimmen mehr als 2009, also wo ist das Problem?!“ los und endet bei „Die Wähler sind einfach zu blöd, unsere Glorie zu erkennen!“. Genau so stößt man die Leute vor den Kopf, die einen beim nächsten Mal eigentlich wieder wählen sollen…

Punkt 5 – Basisdemokratie funktioniert nicht
Jedenfalls nicht so, wie ihr euch das vorstellt. Man kann nicht auf der einen Seite verlangen, dass jeder überall gleichberechtigt mitreden soll und auf der anderen Seite jeglichen Ansatz abwürgen, der das eventuell ermöglichen könnte. Selbst ein eher unverbindliches Tool wie LQFB funktioniert bis heute nicht im Sinne der Sache, und Themen wie eine SMV sorgen offenbar erst recht für Mord und Totschlag. Aber Twitter reicht nicht! Was will man denn mit 140 Zeichen kommunizieren, wenn die Hälfte davon noch für #hashtags draufgeht? Das Resultat hat man ja gesehen: egal, ob Vorratsdatenspeicherung, PRISM oder was auch immer – bis sich auch nur ein paar Leute auf irgend etwas geeinigt hatten, war alles zu spät und die Chance vertan. Wenn die Alternative zu „Keine Strukturen!“ real gelebte Anarchie ist, läuft irgend etwas gewaltig verkehrt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Steht auf, putzt euch den Dreck ab und HANDELT! Werdet euch einig, für was ihr stehen – und vor allem, wie ihr das umsetzen und kommunizieren wollt! Sowohl intern als auch nach außen! Schiebt die Karrieristen und Selbstdarsteller (sofern sie jetzt nicht eh‘ von selbst weiterziehen) ab, und besinnt euch auf eure Ursprünge! Die FDP ist weg vom Fenster – und damit die einzige Partei, die zumindest mal von sich behauptet hat, dass sie für Liberalismus und Bürgerrechte steht. Die Mitte ist frei – ihr könntet den Menschen nun zeigen, was Liberalismus und Bürgerrechte wirklich bedeuten!

NUTZT DIE CHANCE, VERDAMMT NOCH MAL! STEHT AUF UND KÄMPFT! ZEIGT DEN MENSCHEN DA DRAUßEN, DASS IHR IHRE STIMMEN VERDIENT!

Ich würde es euch wünschen – ihr werdet gebraucht.
Heute mehr denn je.

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3 Gedanken zu „Offener Brief von ThSteier an die Piratenpartei aus dem Heise-Forum

  1. Hallo .. du und ihr alle.

    Leider leider muss ich bei vielen der Argumente zustimmen. Bei einigen sehe ich das nicht ganz so schwarz oder etwas anders. Statt nun aber auf alle Punkte einzugehen (vielleicht mach ich das noch einmal an anderer Stelle demnächst…) möchte ich eine Sache herausgreifen.

    Ja – die Piraten waren euphorisch. So viel Zuspruch, so viele die mit machen wollten. So viele Meinungen und all das. Das so viele Meinungen und Vorstellungen nicht immer zusammen passen, ist logisch und war von Anfang an absehbar. Auch ist das gesamte System der Piraten immer noch sehr abstrakt. Ich musste (als sehr technikversierte Person) erst einmal mehre Stunden damit verbringen, mich mit allem zurecht zu finden. Ob auf der Seite, im Wiki, Kommunikationsmittel, Liquid Feedback, Kommunikationstools. Das dauert alles viel zu lange. Ja selbst herauszufinden, wo man sich real treffen kann, ist ein Akt, der nicht jedem auf Anhieb gelingen dürfte. Ich weiß bis jetzt noch nicht hundertprozentig, an wen ich mich für Stammtische wenden soll, wenn ich nach Dornhan umziehe. Erschreckend.

    Und hier sind wir schon beim ersten, grundlegenden, Problem: Wie sollen technikscheue Menschen mit uns in Kontakt trete? Mal von den Wahlperioden abgesehen. Es wundert mich nicht, dass wir immer noch als nerdige (Unwort, ja) Internetpartei abgestempelt werden.

    Nicht nur, dass wir Probleme haben, mit begrenzten Mitteln und wenig Personal an die Leute zu gelangen (und zu ihnen durchzudringen) – nein, wir verweigern ja praktisch jedem Außenstehenden den Zutritt.

    Für mich ist das eine Hürde, die zu allererst genommen werden muss. Dieses Problem muss beseitigt werden – gleichzeitig sollten die Piraten (im Gegensatz zu den anderen Parteien) sofort aktiv weiter agieren. Auch außerhalb des Wahlkampfes. Wir dürfen nicht aufhören, weiter mit Infoständen zu informieren, Seminare und Workshops zu geben, offen mit Leuten zu diskutieren und dergleichen.

    Dies ist das Thema, das mir (momentan!) am meisten Bauchschmerzen bereitet.
    Aber ich weiß nicht wie es euch geht – ich will den Änderhaken noch nicht einfahren.

    Ihr?

  2. Wow, immerhin gab es „eine“ Antwort. Wo sind die vielen Piraten, die hier erklären, verteidigen und diese beiden konstruktiven Kritiken aufgreifen? Auch ich schließe mich obiger Kritik an. Besonders im Umfeld der Wahl haben mich die Piraten total enttäuscht, habe ich sie doch in der „realen“ Welt so gut wie gar nicht wahrnehmen können. Und der Piraten-Kreisverband in meiner Nähe befasst sich mehr mit sich selber und organisatorischen Dingen, als mit echten Themen aus der realen Welt. Und wenn man sich wirklich mal echten Themen widmet, dann wird kaum vernünftig protokolliert/dokumentiert und diesbezügliche Kritik wird ignoriert oder oberflächlich erklärt. Da ist also nicht nur „Naivität“ mit im Spiel, sondern es scheitert hier und da auch an grundlegenden Kompetenzen, ganz abgesehen (allerdings verständlicherweise) von nötiger Lebenserfahrung. Ich kann mich meinen Vorschreibern also nur anschließen: Noch ist Zeit, nutzt die Chance, nehmt die Kritik mal ernst und arbeitet dran. Viel Erfolg.

    • Wo immer die sein mögen – mein Blog lesen sie nicht ;-) der Offene Brief hat hier bis heute so 127 Klicks bekommen.

      Ich hab ihn auch noch mal als Pastebin eingestellt und das Heise-Forum lesen ebenfalls sehr viele Piraten. Aber das ist eben eines der Probleme: Es laufen ganz viele Diskussionen auf ganz vielen Kanälen, Twitterpiraten sind nicht identisch mit Muble- und Mailinglistenpiraten, Stammtischpiraten nicht mit Parteitagspiraten oder Liquid-Feedback-Piraten. Und so was wie eine zentrale Anlaufstelle gibt es nicht.

      Und so reflektiert jeder (der überhaupt reflektiert) in seiner eigenen „Bubble“ vor sich hin.

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