Die Regierung der USA hat das Internet verraten. Wir müssen es zurück erobern

Die NSA hat eine grundlegende gesellschaftliche Übereinkunft aufgekündigt. Wir Ingenieure haben das Internet aufgebaut – jetzt müssen wir es reparieren
Übersetzung eines Kommentars von Bruce Schneier aus dem Guardian

Die Regierung und die Techno-Branche haben uns und das Internet verraten.

Die NSA hat das Internet auf jeder Ebene unterwandert und damit zu einer gigantischen, vielschichtigen und widerstandsfähigen Überwachungs-Plattform ausgebaut. Damit hat sie eine fundamentale gesellschaftliche Übereinkunft aufgekündigt. Die Unternehmen, die unsere Internet-Infrastruktur bauen und verwalten; die uns unsere Hard- und Software verkaufen und die unsere Daten hosten: Sie haben unser Vertrauen verspielt.

Das Internet ist nicht mehr so, wie die Welt es braucht; nicht mehr so, wie es sich seine Schöpfer einmal vorgestellt haben. Wir müssen es zurück erobern.

Und mit „wir“ ist die Gemeinschaft der Ingenieure.gemeint.

Zugegeben: Das ist primär ein politisches Problem, eine Frage der politischen Willensbildung, die eine Intervention auf der politischen Ebene erforderlich macht.

Aber es ist auch ein Problem der angewandten Wissenschaft. Die Ingenieure und Entwickler dieser Welt können und sollten daher bestimmte Dinge unternehmen.

Als erstes gilt es aufzudecken. Wer keiner Sicherheitsfreigabe unterliegt und keinen National Security Letter erhalten hat, ist nicht an Vertraulichkeitsregeln und Knebel-Befehle von US-Bundesbehörden gebunden. Wer von der NSA kontaktiert wurde, um ein Produkt oder Protokoll mit Überwachungs-Schnittstellen zu versehen, muss damit jetzt an die Öffentlichkeit gehen. Euer Arbeitgeber kann nicht von euch verlangen, rechtswidrige oder moralisch bedenkliche Aktivitäten zu decken. Wenn ihr dagegen mit als vertraulich eingstuften Daten arbeitet und wirklich mutig sein, legt jetzt offen, was ihr wisst. Wir brauchen Whistleblower.

Wir müssen ganz genau wissen, wie die NSA und andere Geheimdienste Router, Switches, die Internet-Backbones, Verschlüsselungstechnologien und Cloud-Speicher infiltriert haben. Ich habe bereits fünf solche Geschichten von Leuten wie Euch, obwohl ich gerade erst angefangen habe, sie zu sammeln. Ich will 50. Je mehr, desto besser – gemeinsam sind wir stark. Diese Form des zivilen Ungehorsams ist für jeden, der moralisch einwandfrei handeln will, alternativlos.

Zum Zweiten können wir konstruieren. Wir müssen das Internet neu konstruieren, und zwar so, dass eine solche Totalüberwachung und flächendeckende Bespitzelung unmöglich wird. Es werden neue Techniken benötigt, die verhindern, das die Übermittlungsstellen zwischen Sender und Empfänger von Botschaften vertrauliche Informationen veruntreuen.

Wir können Überwachung wieder teuer machen. Insbesondere brauchen wir dazu offene Protokolle, offene Implementationen, offene Systeme. In die kann die NSA nicht so einfach eindringen.

Die Internet Engineering Task Force (IETF), also die Gruppe, die die Standards für das Internet vorgibt, trifft sich Anfang November zu einer Konferenz in Vancouver. Sie muss ihre nächste Konferenz ganz diesem Problem widmen. Dies ist ein Notfall. Entsprechend sind Notmaßnahmen zu ergreifen.

Als Drittes können wir die Internet Governance beeinflussen. Ich habe mich lange gesträubt, das zu sagen, und es macht mich sehr traurig, dass ich es heute sagen muss, aber die USA haben sich nicht als moralischer Sachwalter des Internet erwiesen. Großbritannien ist auch nicht besser. Die NSA legitimiert mit ihren Aktivitäten den Internet-Missbrauch von China, Russland, dem Iran und anderen. Wir müssen neue Wege zur Verwaltung des Internet finden, die es mächtigen Technologie-Unternehmen erschweren, in dieser Form alles zu überwachen. Beispielsweise müssen wir darauf bestehen, dass unsere Regierungen und Unternehmen Transparenz an den Tag legen, eine angemessene Aufsicht führen und nachvollziehbar Rechenschaft ablegen.

Leider spielt genau das auch totalitären Regierungen in die Hände, die das Internet ihrer Länder unter ihre Kontrolle bringen wollen, um sogar noch extremere Formen der Überwachung zu installieren. Es gilt, Wege zu finden, um auch das zu verhindern. Wir dürfen die Fehler der International Telecommunications Union nicht wiederholen. Sie hat sich heute zu einem Forum entwickelt, das nur noch dazu dient, das Fehlverhalten von Regierungen zu legitimieren. Und wir müssen eine wirklich internationale Internet-Verwaltung einrichten, die von einem einzelnen Land nicht mehr dominiert oder missbraucht werden kann.

Ich hoffe, dass die Menschen in einigen Generationen nicht von uns enttäuscht sind, wenn sie dereinst auf diese frühen Jahrzehnte des Internets zurück blicken. Das können wir nur erreichen, wenn jeder von uns es zu seiner persönlichen Priorität erklärt und sich in diese Debatte einbringt. Wir haben eine moralische Verpflichtung dazu und es gilt keine Zeit zu verlieren.

Den Überwachungsstaat niederzureißen wird nicht leicht. Hat überhaupt schon jemals ein Land, das seine Bürger flächendeckend bespitzelte, diese Fähigkeit freiwillig wieder aufgegeben? Konnte jemals ein Überwachungsstaat vermeiden, sich in einen totalitären Staat zu verwandeln? Was auch immer geschieht: Wir werden Neuland betreten.

Noch einmal: Die politische Herausforderung ist größer als die technische. Aber die technische Seite ist von entscheidender Bedeutung. Wir müssen darauf bestehen, dass an jeder zentralen Entscheidung in Sachen Internet auf Regierungsebene Leute beteiligt werden, die sich mit der Technologie wirklich auskennen. Wir hatten jetzt genug Juristen und Politiker, die die Technik eben nicht voll durchschauen; wir brauchen echte Technologen mit am Tisch, wenn die politischen Grundsätze zum Ausbau der Technologie getroffen werden.

Und den Ingenieuren sage ich folgendes: Wir haben das Internet aufgebaut, und einige von uns haben dabei mitgeholfen, es zu verwanzen. Jetzt müssen diejenigen unter uns, denen an der Freiheit etwas liegt, es wieder reparieren.

Bruce Schneier schreibt über Sicherheit, Technologie und Menschen. Sein neuestes Buch heißt „Liars and Outliers: Enabling the Trust That Society Needs to Thrive.“ Er arbeitet für den Guardian an anderen Stories über die NSA

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