Glotze an

tl;dr: Lasst uns doch mal nen knackigen Spot im sogenannten „Unterschichtfernsehen“ schalten.

Heut‘ morgen ab ich mir mal wieder das aktuelle Standardwerk über Nichtwähler in Deutschland gegriffen: die Studie „Nichtwähler in Deutschland“ von Prof. Manfred Güllner, die  Bundestagswahlen bis 2009 und Landtagswahlen bis 2011 berücksichtigt.

Wir erinnern uns: In Berlin 2011 und NRW 2012 hatten es die Piraten gegen den Trend erstmals seit langer langer Zeit geschafft, Nichtwähler in erwähnenswertem Ausmaß zurück an die Urne zu bringen. Und die meisten von denen haben dann auch für die Piraten gestimmt.

Am Ergebnis hat das zwar nicht viel geändert. Nur 1,6 Prozent von den 10,1 Prozent der Berliner Piraten waren Stimmen solcher reaktivierten Nichtwähler. Und in NRW war es schon wieder weniger, aber immerhin noch 0,9 von den 7,9 Prozent. Herzlichen Dank von den hinteren Listenplätzen. Aber: Selbst bei der ansonsten von den Piraten völlig vergeigten Landtagswahl in Niedersachsen hielt dieser Trend noch an.

Nach wie vor sind die Nichtwähler der größte „Wählerblock“ (falls man das so nennen will) mit aktuell um die 42 Prozent. Entsprechend wäre hier das größte Potenzial – wenn man es denn hinbekäme, sie zum Urnengang zu motivieren.

Güllner schaut sich Zahlen zur sozialen Struktur der Nichtwähler an wie Alter, Bildung und Einkommenssituation und kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis:

„Der Vergleich der Sozialstruktur der Wähler mit der der Nichtwähler zeigt, dass sich unter den Nichtwählern überproportional die unteren sozialen Schichten (geringe Schulbildung, geringes Einkommen, geringer sozialer Status) finden.“

Daraus zieht er allerdings einen Schluss, mit dem ich in dieser Formulierung nicht zu 100 Prozent mitgehen kann:

„Da diese Diskrepanz besonders ausgeprägt bei den Dauer-Nichtwählern ist, besteht die Gefahr, dass sich die unteren sozialen Schichten zunehmend ausgegrenzt fühlen von den politischen Entscheidungsprozessen, die in immer stärkerem Maße die Interessen der eher privilegierten Schichten der Bevölkerung berücksichtigen.“

Je nun. Mag sein, dass sie sich ausgegrenzt fühlen – aber de facto grenzen sie sich durch ihr Nichtwählen selbst aus dem politischen Prozess aus. Denn sie könnten ja einfach wählen gehen. Und man muss sich auch nicht wundern, dass die etablierten Altparteien eben samt und sonders, mit der theoretischen Ausnahme der Linken, die Interessen der Leute wahrnehmen, die sie wählen – die der Privilegierten mit der guten Schulbildung, den mittleren bis hohen Einkommen und dem gehobenen Sozialstatus.

Ein Ziel der Piraten müsste es aus meiner Sicht in diesem Wahlkampf sein, wieder mal vermehrt Nichtwähler anzusprechen. Und sei es nicht mal so sehr wegen der Prozente und des Potenzials als bereits rein vom eigenen Anspruch her als neue demokratische Kraft.

Leider merkt man davon wenig. Der Bundesvorstand ignoriert diese Zielgruppe ebenso wie die Protest- und Erstwähler und hat sich aus unerfindlichen Gründen von vornherein voll und ganz auf etwaige Wechselwähler eingeschossen. Als ob die Piraten ebenfalls bereits dem Establishment angehörten. Ich fürchte, am 22. September werden wir dafür die Quittung bekommen, und wenn der Prism-Skandal nicht dazwischen geplatzt wäre, dann stünde sogar jetzt bereits felsenfest, dass wir mit dieser Strategie an der 5-Prozent-Hürde scheitern.

Symptomatisch dafür ist nicht zuletzt „der“ TV-Werbespot. Wahlspot

Es ist eine Menge über diesen Clip gelästert worden. Ich stehe ihm bei Weitem nicht so kritisch gegenüber wie viele andere Piraten, die etwa die weitgehende Abwesenheit piratiger Ur- und Kernthemen bemängeln wie etwa Digitaler Aufbruch, Transparenz und Datenschutz; das ganze negative campaigning, das sämtlichen Grundregeln der Wahlwerbung zu widersprechen scheint; oder den Umstand, dass das Thema Überwachung allenfalls seeehr weiträumig und indirekt gestreift wird.

Ich find ihn trotzdem nicht schlecht, seit ich versucht habe, diesen Wahlspot ohne die Piratenbrille anzuschauen. Adressatenbezug hilft fast immer. Und da muss man zugeben, dass das hier mal was völlig anderes ist als das lahme Geschwurbel der Altparteien; vom Super-GAU der FDP mit dem NPD-Quark gar nicht zu reden. Und es macht selbst ohne Ton zumindest neugierig, animiert zumindest Leute, die mental auf Ballhöhe sind, weit weniger zum Wegzappen oder Stummschalten.

Aber aus dem Blickwinkel der oben skizzierten typischen Nichtwähler? „Geringe Schulbildung, geringes Einkommen, geringer sozialer Status“?

Der Clip ist bis ins kleinste Detail ironisch aufgebaut. Selbst vielen Piraten fällt es oft schwer, Ironie auf Anhieb zu entschlüsseln – und wenn sie noch so krass überzeichnet ist.

Ich befürchte, viele „Unterprivilegierte“ lässt dieser Spot einigermaßen ratlos zurück, obwohl mit der Passage zum Jobcenter sogar ein für sie zentrales Kernthema angesprochen wird. Allerdings selbst das dann wieder aus der Perspektive einer Figur, die eigentlich aufgrund ihrer gehobenen Bildung „privilegiert“ sein müsste; der die Privilegien, die ihr vermeintlich zustehen, vom System vorenthalten werden.

Die Partei, die sich 2013 auf die „Unterprivilegierten“ einschießt, heißt SPD.

Angesichts des Umstands, dass zusätzliche Wahlwerbung über das vom Gesetzgeber vorgegebene Quantum hinaus auf den einschlägige Sendern wie RTL II und kabel 1 ganz gut ins Geld gehen würde, muss man als Pirat da schon froh sein, dass nicht auch noch Kohle dafür rausgeblasen wurde, dort diesen Spot zu platzieren.

Sehr viel besser fand ich von Anfang an den „Full Metal Wahlspot“ des Emanuel Kotzian, der schon mit der #Snowden-Aktion an deutschen Flughäfen ein Händchen für visuelle Medien gezeigt hat.

Fullmetal

Man muss die Musik nicht mögen. Aber an Klarheit lässt der Spot nix zu wünschen übrig.

Den kürzlich nachgelegten nächsten Clip find ich auch toll:

Another

„Oah, jetzt hab ich doch glatt das mit dem Kiffen vergessen!1“

Besser als jeder Clip und jede Strategie wär‘ natürlich gewesen, die bisherigen Piratenfraktionen hätten mal deutlich gemacht, was bringt, wenn da Piraten in so ’nem Parlament sitzen. Außer ein Bisschen was von Martin Delius in Berlin mit dem BER-Untersuchungsausschuss (und ganz am Rande etwas Rabatz von Patrick Breyer in Schleswig-Holstein) ist da praktisch nichts gekommen, das bundesweit irgendwie positiv wahrnehmbar gewesen wäre. Jedenfalls wenn man die Piratenbrille mal wieder absetzt. Dabei hätte man damit die vormaligen Nichtwähler mal in ihrer Entscheidung bestätigen und womöglich zu echten Stammwählern machen können. Und so manchen Protestwähler an sich binden.

Aber dafür ist es im Hinblick auf die Bundestagswahl ja nun eh zu spät.

Aber vielleicht noch nicht, um die Nichtwähler mit „geringer Schulbildung, geringem Einkommen, geringem sozialer Status“ zu erreichen.

Nur muss man die halt medial da abholen, wo sie sind. Und ihnen etwas bieten, das sie anspricht.

Ich habe bislang vergeblich versucht, herauszufinden, ob man vor der Wahl noch so ’nen RTL-Spot buchen kann oder was das so kostet. Aufgrund der Einkommensschwäche der Zielgruppe kann’s aber am Donnerstag nachmittags eigentlich nicht so viel sein.

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3 Gedanken zu „Glotze an

  1. http://www.ip-deutschland.de/tv/preise.cfm Ist der Vermarkter
    http://www.marketing-blog.biz/archives/5657-TKP-fuer-TV-Werbung.html Der TKP (Preis pro tausend Zuschauern) liegt bei ~14 EUR für einen 30 Sekunden Spot
    http://www.quotenmeter.de/n/55583/rtl-ii-comedys-floppen-am-nachmittag Die nachmittags Einschaltquoten liegen so bei 200.000 bis 400.000 Menschen
    -> so 3000 bis 10.000 Eur würde wohl die _einmalige_ Austrahlung auf RTL2 am nachmittag von dem 45 Sekünder kosten.
    Nähere Infos gäbe es bei IP (siehe oben)

  2. Ich sehe ein Problem: unsere Wählerschaft stammt eben größtenteils NICHT von den Nichtwählern. Und sie entsprechen auch NICHT alle dem Publikum, das durch den Heavy Metal Spot ansprechbar ist.
    Ein gar nicht so geringer Teil der Nichtwähler sind nämlich solche, die zuvor andere, durchaus bürgerliche Parteien gewählt haben, jedoch von ihnen enttäuscht wurden.
    Da besteht nun imho das Risiko, dass mit dem Versuch der Mobilisierung der Nichtwähler die alten Wähler abgeschreckt werden. Diesen Spagat, um beide zu werben, muss man erst mal hin kriegen.
    Als langjähriges ehemaliges SPD-Mitglied hab ich ja nun eben so lange Wahlkampf mitgemacht und entsprechend viele Gespräche geführt, auch und gerade mit bekennenden Nichtwählern. Ich sehe da durchaus Möglichkeiten, den Spagat zu schaffen, allerdings nicht so sehr durch Werbespots: diese Leute wollen nämlich persönlich angesprochen werden. Auf eine Weise, von der viele Piraten sich leider auch abkehren, ich nehme an, aufgrund eines gewissen Anpassungsdrucks: man will es gut und richtig machen, also macht man es so, wie die anderen. Das hilft bei diesen Nichtwählern aber nicht. Die wollen in erster Linie nicht informiert (belehrt?) werden. Die wollen, dass ihnen einer zuhört, mit Verstand zuhört, also auch verständige Kommentare gibt, die nicht den normalen Parteiparolen entsprechen. Und das muss natürlich über einen langen Zeitraum laufen, nicht nur während des Wahlkampfes. Diese langfristige Mobilisierung der Nichtwähler sollte man in erster Linie als Aufgabe der Kommunalpiraten sehen – und wenn ich meinen KV betrachte, das machten die auch verdammt gut; andere kommunal Engagierte wohl auch. Da haben wir also ein Pfund, mit dem wir wohl noch, trotz sich auch da zeigender Wahlkampfmängel (Anpassung), wuchern können.
    Allerdings haben wir uns ein ganz massives Imageproblem eingehandelt, das so schnell nicht zu beseitigen sein wird; jedenfalls kaum in drei Wochen. Und wenn eine Partei einen schlechten Ruf hat, dann vertrauen ihr auch nicht die Nichtwähler. Trotz Heavy Metal.
    Genau in diesem Zusammenhang, nämlich mit Blick auf zukünftige Sanierung, finde ich den offiziellen Wahlwerbespot ganz hervorragend. Ja, der spricht, auch mit seiner Ästhetik, die grummelnde, fluchtende Intelligenz an. Genau die aber ist es, die das Image schafft und dafür auch die Multiplikatoren sind.
    Die Botschaft des Spots ist verschleiert. Verschleiert wie Salome: kehre den Blick nicht ab, die Schleier werden fallen.
    Der nächste Wahlkampf kommt rasend schnell um die Ecke.

    • Ich sag‘ ja nicht, wir sollten den FullMetalWahlspot in dieser Form einfach am Donnerstagnachmittag auf RTL senden. Das war nur ein Beispiel. Beim heutigen Stand der Produktionstechnik ist ein Spot schnell und billig machbar und offensichtlich haben wir die Leute dazu, die das können.

      Der Spot müsste so in etwa die Kernbotschaft rüberbringen „Ihr RTL-Gucker mit kleinem (wenn überhaupt) Einkommen und schlechtem (wenn überhaupt) Schulabschluss fühlt euch machtlos und ausgeliefert. Ihr glaubt es ändert sich sowieso nix. Dabei seid ihr die Mehrheit. Ihr könnt problemlos bestimmen, wo’s in Deutschland lang geht. Wie ein Ochse vor dem Karren, der von einem winzigen Männlein geprügelt wird. Der Ochse kuscht, obwohl er das Männlein problemlos zerquetschen könnte. Ihr dürft nur nicht den einen Fehler machen und auf die Altparteien reinfallen. Denn die sind ALLE gleich: ALLE korrupt, ALLE lobbygesteuert. Die haben ALLE das gleiche im Sinn: Euch weiter klein zu halten und abzumelken. Von den verdammten Rechten erst gar nicht zu reden.“ Nur mal so warm in den Schnee gepinkelt.

      Und zwar ironiefrei.

      Das stellt ich mir echt nicht so schwer vor.

      OK, es ist je nach den im Spot auftretenden Proponenten vielleicht schwierig, das glaubhaft rüberzubringen… ich sag nur Gero Schorch ;-)

      UPDATE: Man könnte etwa an den hier anknüpfen, nur das ganze Sozen-Glorifizieren halt weglassen.

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