Was macht eigentlich einen guten Antrag aus?

Der Bundesparteitag in Neumarkt wirft seine Schatten voraus – und die ganze Piratenpartei springt noch immer brav über das Stöckchen, das ihr Medien und Altparteien seit letztem Jahr hinhalten. Man formuliert wie besessen Programmantrag um Programmantrag. Man müht sich verzweifelt, im Rahmen der „Initiative gemeinsames Wahlprogramm“ möglichst jedes innovative und damit auch nur ansatzweise kontroverse Gedankenfitzelchen auszumerzen, im Namen des Heiligen Konsensus.

Die ganze Piratenpartei? Hoffentlich nicht. Aber wie auch immer – es werden wieder eine Menge Anträge aller Art auf uns zu kommen. Und trotz der beim letzten BPT in Bochum beschlossenen Hürde von mindestens fünf Antragstellern steht zu befürchten, dass es a) wieder viel zu viele werden, um sich auch nur theoretisch im Vorfeld darauf vorbereiten zu können; und b) dass die meisten Anträge wieder mal nicht allzu toll gemacht sein werden. Das muss nicht sein. Hier daher in aller Kürze noch einige Thesen in Sachen „piratiger Qualitätsbegriff“.

(Oder wenn ihr unbedingt doch so was bringen wollt, dann müsst ihr euch zumindest irgend ein Überrumpelungsmanöver ausdenken, um zwei Drittel der Anwesenden gleichzeitig zu verarschen. Soll auch schon geklappt haben.)

  • Keine superlangen Anträge. Sorry, nee, Leute. Es ist nicht unser Job, hier direkt komplette Gesetzentwürfe für alles vorzulegen. Detaillierte Lösungen für komplexe gesellschaftliche Probleme haben aus meiner Sicht nichts im Wahlprogramm verloren. Das Wahlprogramm ist aus meiner Sicht dazu da, dem Wähler unsere konkrete politische Vision für die kommende Legislaturperiode mitzuteilen. Dazu braucht man keine kompletten Gesetzentwürfe, die möglichst noch in unverständlicher Juristenrhetorik gehalten sind.
  • Damit ist jegliche Kommunikation mit normalen Leuten nämlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Klar könnte man anschließend hergehen und so was wie einen „Programm-Digest“ herstellen – kurze Texte, vielleicht nur zu einzelnen politischen Fachgebieten, dargeboten auf Flyern oder sonstwie. Für solche „Info-Häppchen“ (na, tut’s weh? Gut!) müsste man das Programm dann verdichten, verkürzen, die Kernaussagen verständlich umschreiben und das Ganze in anderen Darreichungsformen „häppchenweise“ anbieten. Aber diesen Schritt muss dann auch erst mal wieder jemand[TM] machen. Und zwar unbezahlt, ehrenamtlich, in der Freizeit. Wir sind nämlich hier keine etablierte Altpartei, die das mal eben an eine Agentur überträgt. Für das Geld, das das kosten würde, organisieren wir ganze Bundesparteitage.

Auch diesem etwaigen jemand[TM] macht man das Leben daher unnötig schwer. Und der jemand[TM] ist dann jemand, der es eher so mit der Sprache und Formulierungen hat, aber wahrscheinlich nicht so mit der Juristerei und womöglich auch nicht so mit dem jeweiligen politischen Fachgebiet. Das wäre schon eine sehr glückliche Kombination, so was gibt es nun mal nicht oft. Und wir vergraulen solche Leute ja nun auch nach Kräften, mit unserem vielfach unsäglichen Gebaren und den ganzen Shitstorms und Zeug. Dadurch gehen uns ja nicht nur Wähler verloren, sondern auch potenzielle Mitstreiter.

Aber ich schweife ab.

  • Solche irre langen Anträge bergen zudem erhebliche Risiken für den Antragsprozess auf dem Bundesparteitag. Auch dafür ist der oben verlinkte unsägliche Schwachsinn, der da beim BPT12.1 in Neumünster mit der Schiedsgerichtsordnung gelaufen ist, das beste (weil abschreckendste und prägnanteste) Beispiel, wenngleich es dabei um einen Satzungsänderungsantrag ging und nicht um einen Programmantrag.

    Netznotar

    Der Bundesparteitag 2012.1 zerspielt uns die Schiedsgerichtsordnung

  • Stattdessen halte ich es unbedingt für wünschenswert, sich bei einem Antrag auf eine einzige Kernforderung zu beschränken. Eine, die ein normal gebildeter Mensch dann auch binnen Kurzem begreifen kann. Wenn man mehr als einmal den kompletten Bildschirminhalt runterscrollen muss, um euren Antragstext zu lesen, ist der Antrag fast mit Sicherheit zu lang. Punkt. Keine Widerrede. „Aber die haben sich doch so viel Mühe gegeben und extra SO viel Text in den Antrag geschrieben!“ NEIN! BULLSHIT! Klasse statt Masse. Textmenge hat mit Qualität NICHTS zu tun. Kein Argument. BÖSE.
  • Und was passiert, wenn ihr längere Anträge schreibt und mehrere politische Forderungen darin verknüpft? Ihr verliert Zustimmung. Da missfällt dem einen der eine Punkt und dem anderen der andere. Der dritte sagt nach dem zweiten Bildschirm voll Fachchinesisch „Verdammt, ich hab Feierabend! Das ist meine Freizeit hier!“ Auf Wiedersehen.
  • Und was unternehmt ihr dann, damit das nicht passiert? Ihr versucht, die Zustimmung auf andere Art und Weise wieder aufzuholen. Durch Herausstellen Eurer beruflichen Qualifikation beispielsweise, oder Ausnutzen Eures persönlichen Renommées. Alles Faktoren, die keine Rolle als Meta-Argumente mehr spielen sollten. „Aber der kennt sich doch so gut aus, hm dann stimmen wir uns den Antrag mal ins Programm, wird schon passen.“ NEIN! Na-haaain! Denk-Selbst-Partei. Es zählt NUR, was im Antrag steht!
  • Der nächste übernimmt womöglich Euren Text komplett für einen eigenen Antrag – bis auf ein paar Punkte, die ihm wichtig erscheinen. Ruckzuck konkurriert dessen Antrag wegen irgend einem Kleinscheiß mit eurem, und die resultierende Debatte stiehlt uns allen nur Zeit auf dem BPT. Und Zeit ist Geld. So ein BPT kostet uns um die 5 Euro pro Sekunde. Nicht vergessen.
  • Schwarblond_PA091_klein Zudem tritt bei solchen Debatten zwischen konkurrierenden Anträgen dann schon wieder schnell der eigentliche Inhalt in den Hintergrund gegenüber dem persönlichen Standing und anderen derartigen Faktoren, die wir eigentlich ursprünglich mal völlig überwinden wollten. Siehe oben. Je länger und wirrer der Antrag, desto weniger Leute verstehen in so einer Situation überhaupt noch, was eigentlich der Unterschied ist. Vor allem weil es bei mehreren hundert Anträgen im Vorfeld ja auch völlig unmöglich ist, sich sinnvoll auf einen Bundesparteitag vorzubereiten. In der Kürze der Zeit findet man auch nicht so schnell die entsprechenden Textstellen (scroll scroll scroll). Und bei mehreren Hundert Anträgen kann man das mit dem auf Papier ausgedruckten Antragsbuch ja ebenfalls leider vergessen, sonst hätten wir da alle eine Riesen-Bibel neben dem Laptop liegen. Der Parteitag orientiert sich dann eher so daran, wie toll er den Antragsteller findet. Oder im Extremfall sogar nur an der momentanen Überzeugungskraft seines Auftritts, gepaart mit irgendwelche situativen Faktoren. Vielleicht gab’s grad Essen oder frisches Popcorn. Oder besonders hübsche Nummerngirls.
  • Reißt den Begründungszusammenhang auch im Antragstext wenigstens kurz an. Das ist um so wichtiger, je weniger dieser Zusammenhang auf der Hand liegt. Denkt dran: Euer Leib- und Magenthema, ohne das das Abendland untergeht, ist für den Normalbürger vielleicht ganz weit weg. Versetzt euch in den Normalbürger und lest den Text mit dessen Augen. Man nennt es „Adressatenbezug“. Hilft fast immer.
  • Wenn ihr wollt, dass die Piraten eurem Antrag zustimmen, müsst ihr es ihnen leicht machen. Formuliert also die Antragsbegründung ebenso verständlich und mit der gleichen Sorgfalt wie den Antrag selbst. Verlinkt bei Programmanträgen direkt Material, das euer Anliegen stützt. Studien. Wissenschaftliche Arbeiten. Statistiken. Fachartikel. Verlinkt es direkt in der Antragsbegründung, nicht über den Umweg einer etwaigen Liquid-Initiative, wo „die Links ja auch noch mal stehen“.
  • Und bringt schon gar keine Begründung durch Behauptung, kein Bauchgefühl, keine Truthiness. Und da liegt auch nichts auf der Hand und da versteht sich nichts von selbst. Punkt. Aus. Keine Debatte. Adressatenbezug. Stellt euch vor, ihr seid jetzt der Beispielpirat aus dem letzten Blogpost, der den ganzen Tag gearbeitet hat und abends fluchend, aber pflichtbewusst sich noch mal ne Stunde auf den BPT in zwei Wochen vorbereiten will. Der klickt jetzt auf Euren Antrag und versucht, sich zu entscheiden, ob er dem Geschwafel hier guten Gewissens seine Stimme geben kann.

Ceterum censeo: Und wenn ihr euch dann diese ganze irre Arbeit gemacht habt, nur um mit anzusehen, wie euer Antrag dann DOCH nicht auf die TO kommt, während irgendwelche Idioten, die sich aus der Zeit der 2009er Kleinstpartei noch für Popstars halten, die Zeit damit verschwenden, sich bei GO-Battles abfeiern zu lassen – dann werdet ihr verstehen, wieso wir uns dringend mit SMV und Online Assisted Parteitag beschäftigen müssen.

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