Helloo, IT? HaveYouTriedTurningItOffAndOnAgain?

Warum #Neustart grundsätzlich OK ist, aber in den scheinbaren Details noch sorgfältig weiterentwickelt werden sollte

Disclaimer: Dieser Blogpost entstand unter Verwendung der Gedanken von @DerFairePirat.

Gestern auf dem Strategie-Barcamp (#stratcamp) präsentierte Christopher Lauer an Stelle der Zusammenfassung, die „eigentlich“ auf der Agenda gestanden hatte, unter dem Namen #Neustart ein Konzept, das auf unser Agendasetting im kommenden Bundestagswahlkampf abzielt und zugleich eine Neuausrichtung der innerparteilichen Probleme und Abläufe in den Blick nimmt.

Wenn ich das recht verstanden habe, soll der der Begriff #Neustart dabei einerseits eine thematische „Klammer“ bilden, mithilfe derer sich sämtliche zentralen politischen Kernforderungen der Piratenpartei transportieren lassen. Neustart in der Bildungspolitik. Neustart im Verkehrswesen => fahrscheinloser ÖPNV. Und so weiter und so fort.

(Leider funktioniert der #t-Tag zum automatischen Sprung an die richtige Stelle irgendwie im WordPress nicht, also einfach von Hand auf 5h37m25s vorspulen.)

Zugleich ist ein #Neustart anscheinend auch für die Piratenpartei selbst gefordert: Es kann nach Niedersachsen kein ‚Weiter so‘ geben. Ein lauwarmes Durchwurschteln entspricht nicht unserem eigenen Anspruch an politisches Handeln 2.0. Die Wahlschlappe und der Zustand der Partei gehören auf den Prüfstand. #Neustart als Identifikationsgegenstand gegen Shitstorms und Egotripps, um die Piraten dazu zu bringen, im Wahlkampf am gleichen Strang zu ziehen (und auch alle in der gleichen Richtung.)

Soweit, so gut. Falls hiermit die Grundintentionen der #Neustart-Initiative korrekt zusammengefasst sind, zu der neben Christopher anscheinend auch Katja Dathe und wenn ich das richtig identifiziert habe, Alf „@Siegstyle“ Frommer zählen, so begrüße ich diese Grundintentionen ausdrücklich. Hier wurde endlich mal ernsthaft überlegt, was denn wohl konkret erforderlich ist, um den Turnaround herbeizuführen (um ebenfalls mal ein hochgestochenes Marketing-Buzzword zu droppen ;-)

Ich wurde schon mehrfach Zeuge von Gesprächen unter  „Key Players“ der Piratenpartei über Agendasetting. Diese Diskussionen versandeten in unschöner Regelmäßigkeit auf einem Niveau, auf dem jeder versuchte, den anderen sein persönliches Steckenpferd als zentrales Leitmotiv aufzuschwatzen, ohne auf die anderen Gesprächsteilnehmer einzugehen. Oder auch nur auf sachlich gebotene Erfordernisse. Davon unterscheidet sich die #Neustart-Initiative schon mal grundlegend. Ein Segen. Echtes Agendasetting bedingt nun einmal eine Beschränkung auf eine einzige leicht zu kommunizierende Message, die von allen Beteiligten mit vollem Einsatz gepusht wird.

Es reicht aus meiner Sicht nicht, für das Agendasetting im Wahlkampf einen mehr oder weniger isolierten Gegenstand wie Drogenpolitik oder sogar den wohl derzeit von Bernd Schlömer favorisierten Verbraucherschutz herauszupicken. Wie breit auch immer ein solcher Gegenstand sich interpretieren lässt. Man gerät da immer irgendwo in Schwierigkeiten, muss sich verrenken (Bildungspolitik als Verbraucherschutz? Bildung als Ware? Ähem.) Oder gar (absoluter worst case) Pointen erklären.

Es braucht daher eine solche motivierende „Klammer“, die ausreichend breit ist, dass sich möglichst jeder Pirat dahinter stellen kann, ganz gleich, wo seine persönlichen politischen Schwerpunkte oder auch personellen Präferenzen liegen. Ohne so etwas wird es schwierig werden, im Wahlkampf bei allen das unbedingt erforderliche Maximum an Engagement und Energie freizusetzen. Zugleich ist die #Neustart-Klammer auch begrifflich einfach und verständlich zu kommunizieren. Das Risiko, dass ein Adressat nicht versteht, was gemeint ist, ist gering.

Und das mit der innerparteilichen Neuausrichtung versteht sich eh von selbst. Es kann mit diesen verdammten Shitstorms nicht so weiter gehen, mit dem Orga-Chaos und den Ego-Tripps.

So weit, so gut.

Wer mich kennt, hört allerdings bereits in der Überschrift das große Aber mitschwingen. Und hier kommt es: Den Begriff „Neustart“ selbst halte ich leider für völlig ungeeignet.

Tweet1

Keine Frage: Gestern bei der Präsentation sah es auf Anhieb so aus, als könne er seine oben umrissene Funktion erfüllen. Es fielen Worte wie „sexy“ und prominente Piraten applaudierten enthusiastisch.

Die spontane Begeisterung darüber, dass sich hier endlich mal Leute ein paar schlüssige Gedanken zur Krise gemacht und plausible Ansätze gezeigt haben, sollte uns aber keinesfalls darüber hinweg täuschen, dass der Begriff „Neustart“ bei näherem Hinsehen nicht wirklich positiv besetzt ist.

Den meisten von Euch wird die englische SitCom „The IT Crowd“ ein Begriff sein. Wer‘s nicht kennt: Zwei IT-Nerds und ihre bezaubernde, aber in Sachen COMputers völlig unbeleckte Chefin im Keller eines Großunternehmens und ihre Abenteuer im Kampf um den Feierabend. „Have you tried turning it off and on again?“ ist der running gag, den diese Jungs reflexartig von sich geben, sobald das Pawlow‘sche Telefon klingelt.

Wenn was mit dem Rechner ist – erst mal neu starten. Der IT-Support kann oder will #ausGründen keine Ferndiagnose stellen. Mit dem Neustart ist der Dummuser am anderen Ende der Leitung erst mal beschäftigt und mit etwas Glück funktioniert seine schlecht gewartete, virenverseuchte Windows-Kiste danach sogar wieder einigermaßen.

Der Neustart ist ein Quick Fix, wenn man nicht weiß, was eigentlich das Problem ist. Oder zu bequem, danach zu suchen. Oder zu unfähig. Der Neustart folgt auf die Blue Screen of Death. Der Neustart ist ein Versuch ins Blaue. Mit so was wollen wir uns nicht identifizieren, glaub ich.

Tweet2

Tweet3Wörter schaffen Wirklichkeit

Symbole sind wichtig. Und ich warne eindringlich davor, diesen Einwand als „bloße Semantik“ abzutun, wie es mir noch auf dem #stratcamp jemand meinte, ins Gesicht schleudern zu müssen.

Dass die spontanen spöttischen Reaktionen auf Twitter vielfach aus der Ecke der notorischen Lauer-Basher kamen – geschenkt. Der politische Gegner braucht sich im Zweifelsfall nur hier zu bedienen, selbst wenn er von allein nie drauf gekommen wäre. Was ich im Übrigen nicht glaube.

„Neustart“ als Begriff an sich ist halt leider auch dermaßen unoriginell, dass die konservativste 1.0-Altpartei drauf verfallen könnte. „Wir haben verstanden“ „Wir werden liefern“ oder wie hieß noch mal dieses FDP-Mantra? Und bis man erklärt hat, dass das bei uns aber keine Worthülse ist, ist der Adressat leider schon weiter gegangen.

Und der Prozess des Neustarts an Sich – tja, schon mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass man danach leider immer noch das gleiche Betriebssystem auf dem Rechner hat. „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Ich weiß nicht, ob das Zitat wirklich von Einstein stammt, aber es scheint mir etwas dran zu sein.

Und an dieser Stelle, also ich will mich nicht in die Riege der Lauer-Basher einreihen, denn ich find Christopher bei aller Selbstverliebtheit und Showmanship meistens ziemlich gut. Auch wenn er mich, wie so viele Parteigranden, auf Twitter geblockt hat. Mit seinen Reden im AGH macht Politik so richtig Laune und er ist einer der wenigen, der uns PR-mäßig so richtig nach vorne bringt, und als PR-Mann stehe ich da halt drauf.

Aber wenn man diese Nummer mit ein paar mehr Leutchen durchgesprochen hätte als ausschließlich mit den Fanboys und -girls aus der eigenen Filterbubble, dann wäre einem der rein sprachlich-begriffliche Schwachpunkt auch bereits vor dem knalligen, auf maximalen „Splash“ hin konzipierten „Launch“ aufgefallen und man hätte schon wieder einen unnötigen Shitstorm vermieden.

Und man hätte zudem womöglich direkt im ersten Versuch einen echten Knaller präsentiert. Denn das skizzierte Grundproblem halte ich wie erwähnt für tatsächlich gegeben und eine Lösung anhand der skizzierten Kriterien werden wir brauchen. Und es wird keine großen Schwierigkeiten bereiten, eine passende geile Begrifflichkeit zu finden, die das rüber bringt, was wir jetzt rüber bringen müssen. Ich lade jeden ein, unter dem Hashtag #neustart einfach mal ein bisschen weiter zu brainstormen, ihr werdet sehen, in Nullkommanix haben wir da was.

Dabei möchte ich dann auch zugleich anregen, vielleicht das Augenmerk auf etwas nicht ganz so Inhaltsleeres zu richten. Klammer hin oder her: Auch mit einem breit gefassten Oberbegriff kann man inhaltlich-programmatischen Anspruch transportieren. Ein Weg dahin wäre beispielsweise das heute vom @kungler in einer zu wenig beachteten Randbemerkung vorgeschlagene #OpenAccess als zentrales Motto der Kampagne, denn darunter kann man wirklich unsere komplette Programmatik fassen, soweit ich das sehe. Offener Zugang zu Bildung. Offener Zugang zum Nahverkehr. Offener Zugang zur gesellschaftlichen Teilhabe und sozialen Sicherung. Offener Zugang zu unserer Legislative und Exekutive => Korruptionsbekämpfung, Kampf gegen Lobbyismus, direkte Demokratie. You name it: Alles, was wir wollen, scheint mir eine Forderung nach offenem Zugang zu irgend etwas Entscheidendem zu beinhalten.

Der Begriff „OpenAccess“ selbst allerdings ist sperrig und womöglich etwas zu nerdig und stellt weite Teile der Wählerschaft wohl insgesamt vor zu viel Erklärbedarf, und besonders letzteres ist ganz ganz schlecht. Der hier gesuchte Begriff muss auf breiter Basis ansatzlos zünden.

Aber das macht ihr schon. Wir machen jetzt mal das mit dem Crowdsourcing bitte. Basis: Du hast den Job.

Advertisements

4 Gedanken zu „Helloo, IT? HaveYouTriedTurningItOffAndOnAgain?

  1. Hi Harald und Kettensäge!.:-)
    es ist immer wieder schön, das bei anderen zu lesen, was ich denke. Leider bin ich formulierungstechnisch nicht so versiert wie Ihr beiden.
    Auch ich halte den Begriff „Neustart“ für problematisch, weil darin mitschwingt, das alles vorherige nicht in Ordnung war, bzw. ist. UND das ist nun tatsächlich nicht der Fall.
    Ich habe eher den Eindruck, dass wir in eine Richtung gedrängt werden sollen, die eher BuBernd, Nerz und Konsorten möchten.
    UND das will ich auf keinen Fall.
    Ich fühle mich langsam aber sicher von „Piraten“ umringt, die Ex-Miglieder andere Parteien waren, dort nix geregelt bekommen haben und jetzt versuchen, Ihren Mist uns auf zu stülpen. Sobald das geschafft ist, geben wir uns der beliebig preis.
    Und das ist unser Untergang.
    Lg
    Gilbert Oltmanns

  2. Moin, also ich finde deinen Blickwinkel als sehr passend und zutreffend, und klar ist irgedwie, das wir eine verständliche Kampagne bräuchten um radikal klar der Wählerschaft zu vermitteln, was WIR eigentlich wollen, und Dein Begriff „Launch“ hilft, aber weniger auf Englisch. Mein Vorschlag,als Laie, wäre in der Art wie
    START – Deine STIMME für FREIE BILDUNG
    START – Deine STIMME für TRENNUNG KIRCHE&STAAT
    START – Deine STIMME für MINDESTLOH
    START – Deine STIMME für TRANZPARENZ in POLITIK

    und so weiter und so fort, halt unsere wichtigen Kernthemen transportierend.

    Das wäre wiederholend eine einprägsame, verdeutlichte Sprache für Wählerschaften, in meiner subjektiven Wahrnehmung nach dem Wahlkampf NDS.
    Mit besten Grüssen
    Jörg Pfannschmidt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s